28.09.2005
Alternativ oder komplementär
Die meisten Patienten setzen „andere“ medizinische Methoden anstelle der konventionellen Medizin ein (also alternativ zu ihr), wenn es um die Vorbeugung von Erkrankungen und die Selbstbehandlung leichter Gesundheitsstörungen geht. Bei einer ärztlich verordneten Therapie verwenden sie sie üblicherweise begleitend und ergänzend (komplementär). So wird beispielsweise die Misteltherapie (siehe „Anthroposophie“), der sich mehr als die Hälfte aller Krebspatienten unterzieht, im Allgemeinen nicht anstelle einer konventionellen Krebstherapie eingesetzt, sondern begleitend zu ihr.
Noch in den 1980er-Jahren war es durchaus gewollt, der konventionellen Medizin eine Alternative gegenüberzustellen. Die Praxis zeigte dann aber rasch die Brisanz, die sich mit dem Wort „alternativ“ verbinden kann. Es wurde nur allzu oft in seinem eigentlichen Sinn gebraucht als „Wahl zwischen zwei Möglichkeiten“. Das konnte jedoch nicht gemeint sein – weder von den Ärzten, die sich um eine Erweiterung ihrer Therapiemöglichkeiten bemühen und sich bei ihrer Suche auch Naturheilverfahren und Ähnlichem zuwenden, noch von den Patienten, die die für sie beste Therapie suchen.
Die Allensbacher Umfrage von 2002 zur Verwendung von Naturheilmitteln belegt, dass nur vier Prozent der Verwender dieser Mittel im Krankheitsfall tatsächlich ausschließlich Naturheilmittel anwenden würden, 32 Prozent würden sich bei Krankheiten ganz dem konventionell behandelnden Arzt anvertrauen.
Durch ihr Handeln zeigen die Patienten also, dass sie die Frage längst entschieden haben, über die es in der Wissenschaftsgemeinde lange Zeit erregte Auseinandersetzungen gab: Ob es sich bei den unkonventionellen Methoden um alternative oder komplementäre Angebote handelt. Die Gefahr, die der Begriff „alternativ“ in sich birgt, hat dazu geführt, dass man heute eher die Bezeichnung „komplementär“ nutzt, womit eine begleitende, ergänzende Behandlung gemeint ist.
Daher nimmt in der Diskussion, ob die komplementärmedizinischen Verfahren die universitäre Medizin bereichern oder ob sie den Patienten eher schaden als nutzen, die therapeutische Wirksamkeit einen wichtigen Platz ein. Denn nur bei nachgewiesener Wirksamkeit kann die Wahl zwischen zwei Behandlungsmethoden sinnvoll sein. Wenn eine Behandlungsweise, deren Wirksamkeit mit Recht bezweifelt wird, anstelle einer nachgewiesenermaßen wirksamen Therapie eingesetzt wird – also alternativ zu ihr –, kann das den Patienten ernsthaft gefährden.
