28.09.2005
Begriffsverwirrung
Unkonventionelle Verfahren gebrauchen oft Begriffe, unter denen sich Laien, aber auch Wissenschaftler nichts vorstellen können. Weder der „Astralleib“ der Anthroposophie noch die „Miasmen“ der Homöopathie gehören zum allgemeinen oder wissenschaftlichen Wortschatz. Sehr oft wird zudem in pseudowissenschaftlicher Weise formuliert, das heißt, es werden Formulierungen gebraucht, die für Laien zwar eindrucksvoll und gelehrt klingen, in Wahrheit jedoch inhaltsleer sind.
Bei fernöstlichen Methoden gibt es das Problem, dass mit Vokabeln gearbeitet wird, die zwar ins Deutsche übersetzt werden, für die es aber keine genaue Entsprechung gibt, denn sie sind immer auch mit den Inhalten aus dem Denken und Leben des anderen Kulturraums gefüllt. Andererseits werden Begriffe gebraucht, wie sie auch die westliche Medizin kennt – beispielsweise eine Leberschwäche; dieser Begriff hat aber in der traditionellen chinesischen Medizin eine ganz andere Bedeutung als hierzulande.
Missverständnisse sind dadurch vorprogrammiert. Wenn sich Patienten nicht sicher sein können, dass ihr Behandler unter einem Begriff exakt dasselbe versteht, wie sie selbst, ist eine informierte Zustimmung zur Behandlung nicht möglich.
Ähnliche Verwirrung kann bei den Diagnosen herrschen. Wenn ein Homöopath einen „Pulsatilla-Typ“ diagnostiziert, mag dieser ein Magengeschwür haben, ein anderer Mensch gleichen Typs jedoch nicht. Wechselt dieser Patient den Behandler, kann er durchaus eine andere Bezeichnung für dasselbe Leiden erhalten.
Das macht es nicht nur schwierig, die Effektivität der verschiedenen Behandlungsmethoden miteinander zu vergleichen. Es bedeutet für den Patienten auch, sich bei einem Wechsel des Behandlers dem gesamten medizinischen Ablauf von Vorgespräch, Diagnose, Behandlung und Kontrollen jedes Mal erneut zu unterziehen. Die konventionelle Medizin ist bestrebt, solche Mehrfachtätigkeiten und Doppeluntersuchungen zum selben Problem bei einem Patienten zu verringern. Bei der komplementären Medizin liegt Derartiges oft in der Natur der Sache, da die einzelnen Verfahren in sich so abgeschlossen und voneinander verschieden sind, dass es nahezu ausgeschlossen ist, dass ein Behandler auf den Ergebnissen des anderen aufbaut.
