Werbung von Vertriebsmitarbeitern: Eine Firma spinnt ihr Netz
Die Germanway GmbH knüpft an einem großen Vertriebsnetz. Wer für sie Produkte verkaufen und neue Vertriebspartner werben will, muss erst einmal bezahlen. Viele tun das.
Der große Saal füllt sich schnell. Zu lauter Musik drängen die Menschen hinein. Es sind viele Männer um die Fünfzig, die meisten in Anzug und Krawatte, und Frauen mittleren Alters. Rund 1 000 Augenpaare blicken erwartungsvoll zur Bühne.
Sie warten auf den Beginn des vierstündigen Programms, das womöglich ihr Leben verändern wird. Das zumindest hatten diejenigen versprochen, die sie zu diesem Lifestyle-Congress von Germanway eingeladen haben. Diese Kongresse werden im Abstand von rund vier Wochen für Germanway-Vertriebspartner organisiert – und für solche, die es werden wollen.
„Germanway GmbH – a lifestyle evolution“: Dahinter steht eine seit September 2005 im Handelsregister eingetragene Firma mit Sitz in Bayern. Sie vermittelt nach eigenen Angaben Telefon- und Stromverträge sowie „Produkte zur Persönlichkeitsentwicklung“ und verkauft zum Beispiel auch Guthabenkarten zum Bezahlen.
Wer 399 Euro zahlt, darf Teil der Germanway-Familie werden und versuchen, als selbstständiger Vertriebspartner Geld zu verdienen.
Punktesammler steigen auf
Das Geschäftsprinzip von Germanway erscheint verlockend: „Als Vertriebspartnerin verdiene ich am Verkauf der Produkte. Und mit jedem Cent, den ein Kunde dann vertelefoniert und mit jeder verbrauchten Kilowattstunde klingelt die eigene Kasse weiter“, erklärt Christina Schäfer*, Vertriebspartnerin bei Germanway.
Gelingt es ihr zudem, neue Vertriebspartner zu gewinnen, verdient sie an deren Umsatz mit. Und wenn diese weitere Mitarbeiter werben, bekommt sie auch von deren Geschäften etwas ab. Abgerechnet wird mit Germanway-Points (GP).
Je mehr Punkte jemand allein oder im Team mit angeworbenen Vertriebspartnern sammelt, desto höher steigt er in der Hierarchie. Von seiner Position hängt ab, wie viel Provision er für den eigenen Umsatz bekommt und wie viel er am Umsatz der unter ihm stehenden Partner verdient.
Um höhere Positionen in der Vertriebshierarchie zu erreichen, ist es nötig, Vertriebspartner zu werben. Doch schon für niedrige Stufen sind Partner wichtig.
Damit jemand die zweite Hierarchiestufe „Manager“ erreicht, muss er 10 GP im Monat schaffen. Diese erhält er, wenn es ihm zum Beispiel gelingt, 40 Menschen zu überzeugen, den Telefonvertrag auf den Tarif „Flexflat City“ umzustellen. „Wenn Sie alleine Punkte sammeln, sind Sie lange unterwegs“, erklärt Peter Schuster* Christina Schäfer. Er hat sie geworben und steht ihr als „Sponsor“ zur Seite.
Ob jedoch allen Vertriebspartnern in einem solchen System am Ende der große Verdienst winkt, ist fraglich: „Je später man einsteigt, desto schwerer wird es, Kunden und Partner zu finden. Irgendwann ist der Markt gesättigt“, erklärt Stefan Wegener vom Landeskriminalamt Berlin. Seiner Erfahrung nach halten sich unseriöse Anbieter maximal drei bis vier Jahre am Markt. „Aber auch nach drei Monaten kann schon Schluss sein“, sagt Wegener.
„Wenn jemand in Vorkasse gehen muss, sollte er die Finger von dem Angebot lassen“, rät er. „Gleiches gilt, wenn suggeriert wird, man könne vor allem über das Anwerben neuer Händler reich werden.“
Wer steckt hinter Germanway?
Die Firma Germanway fängt mit ihrem Geschäft nicht bei null an. Sie hat das Vertriebsgeschäft von der Innoflex AG in Berlin übernommen. Diese AG, an deren Gründung Robert und Thomas Mundt beteiligt waren, ist im Juli 2001 aus der Innoflex GmbH & Co. Beteiligungs KG hervorgegangen.
Die Staatsanwaltschaft Berlin hat Ende 2003 unter anderem gegen Robert und Thomas Mundt Anklage erhoben wegen des Verdachts, dass sie gegen das Verbot der progressiven Kundenwerbung verstoßen haben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sollen die Angeschuldigten in der Zeit von Januar 1999 bis Januar 2000 für das Geschäftsgebaren der Innoflex GmbH & Co. Beteiligungs KG verantwortlich gewesen sein.
Die Firma soll in dieser Zeit auf 220 Präsentationsveranstaltungen Vertriebspartner mit der Aussicht auf eine Vermittlungsprovision geworben haben, wenn sie weitere Vertriebspartner werben. Für den Einstieg sollten sie 420 Euro, später 840 Euro zahlen. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft handelt es sich um ein unzulässiges Schneeballsystem. Einen Prozess hat es in diesem Fall noch nicht gegeben.
Auch nach Januar 2000 hat es gegen Robert und Thomas Mundt 19 Verfahren wegen des Verdachts der progressiven Kundenwerbung gegeben. „Die Verfahren sind jedoch im Hinblick auf die noch laufende Anklage vorläufig eingestellt worden“, erklärt Michael Grunwald von der Generalstaatsanwaltschaft Berlin.
Auf die Frage, inwieweit sich das Vertriebssystem von Germanway mit dem von Innoflex vergleichen lasse, teilte Germanway mit, es handle sich ähnlich wie früher bei der Innoflex GmbH & Co. Beteiligungs KG um einen Direktvertrieb. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen Innoflex kommentierte die Firma nicht.
Ähnliche Produkte
Schon die Innoflex AG, die heute den Namen United Network Industries Marketing AG trägt, hat Telefontarife der Flexfon GmbH und Stromtarife der Flexstrom GmbH verkauft. Heute vertreibt Germanway diese Produkte.
Geschäftsführer bei Flexstrom ist Robert Mundt. Thomas Mundt hat diese Position bei Flexfon. Beide Firmen sind wie früher Innoflex Tochterunternehmen der United Network Industries AG in Berlin.
An der Spitze von Germanway stehen mit Cengiz Ehliz und Peter Grünewald zwei Geschäftsführer, die vorher für Innoflex tätig waren. „Auch viele Vertriebspartner von Innoflex sind jetzt bei Germanway“, sagt Peter Schuster. Seinen Angaben nach hat Germanway mittlerweile mehrere tausend Vertriebspartner. Offiziell sind es jedoch nur 287.
Einige von ihnen sind noch jung im Geschäft. Bei ihnen hat der Lifestyle-Congress Wirkung gezeigt. Nach der Veranstaltung ließen sich viele Besucher gleich als neue Vertriebspartner registrieren.
*Namen von der Redaktion geändert.
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