25.10.2010

WeTab Computer: Viel Geld für wenig Nutzen

Eine Alternative zum iPad sollte es sein: Das WeTab, ein flacher Tablet-Computer aus deutschen Landen. Im März angekündigt, Ende September endlich ausgeliefert und Mitte Oktober immer noch nicht recht im Gang. Der Schnell­test zeigt: Im WeTab steckt der Wurm.

Wie eine unreife Frucht

Es ist kein Computervirus, der das WeTab behindert. Es ist die fehlende Reife. Software und Betriebs­system laufen nicht rund, das Gerät stürzt oft ab, und es gibt kaum echte Programme. 450 Euro kostet das WeTab in der güns­tigsten Version. Im Test: Das WeTab mit mobilem Internet, Satelliten­ortung und 32 GB Speicher, Preis: 570 Euro. Außer Surfen ist aber noch nicht viel drin. Der Tablet-Computer wirkt wie eine unreife Frucht. Eine Alternative zum Apfel sollte es werden. Statt­dessen veräppelt WeTab seine Kunden. Doch beginnen wir von vorn.

Die Idee ist gut ...

Im März kündigte Neofonie, eine kleine Berliner IT-Firma, einen Tablet-Computer an. Das Konzept schien bestechend: Eine offene Alternative zu Apples iPad. Ein Tablet-Computer mit Stan­dard­anschlüssen: USB, HDMI und Kartenleser. Kein exotischer Dock-Port wie bei Apple. Ein Betriebs­system auf Linux-Basis. Offen für Erweiterungen und die Basis für freie Software. Die Fach­welt lobte: Die Idee ist gut. Die beiden Firmen Neofonie (Berlin) und 4tiitoo (München) gründeten für das Projekt die WeTab GmbH.

... aber das Gerät noch nicht soweit

Im April präsentierten die Macher den Prototyp des WeTab - damals noch WePad genannt. Der Name zielt auf Apple: Gegen das ichbezogene iPad sollte Wirgefühl stehen. Selt­sam schon damals: Geschäfts­führer Helmut Hoffer von Ankers­hoffen gab das Gerät nicht aus der Hand. Echtes Wirgefühl geht anders. Die Präsentation endete mit einer Täuschung: Auf dem WePad lief nur ein Video des neuen Betriebs­systems WeTab OS, nicht das Betriebs­system selbst. Eine Wind­ows-Fehler­meldung enttarnte den Schwindel.

Seit September im Beta-Test

Im Juli sollten die ersten Serien­geräte kommen. Dann im August. Schließ­lich wurde es September. Ende September. Die Stiftung Warentest kaufte das WeTabs ein. Inkognito versteht sich. Presse­muster oder Prototypen testet die Stiftung Warentest nicht. Eigentlich nicht. In diesem Fall fühlten sich die Tester allerdings wie Beta-Tester.

Start ohne Funk­tion

Das frisch gekaufte WeTab startet fast ohne Funk­tion: Webbrowser und Dateimanager, mehr gibt es nicht. Zunächst muss ein WLAN her - eine drahtlose Verbindung ins Internet. Dann folgt eine Registrierung mit voll­ständiger Adresse. Die Registrierung ist Pflicht. Anschließend zieht das WeTab auto­matisch Updates und Firmware aus dem Netz. Nach 20 bis 30 Minuten Lade­zeit – je nach Internet­verbindung – ist das WeTab dann einsatz­bereit. Zur Grund­ausstattung gehören zunächst ein kleines E-Mail-Programm, eine Mediengalerie zum Abspielen von Musik und Video, Webradio, Foto­album, Kalender, Adress­buch, Spiele und ein eBook-Reader. Fehlt eines der Programme, lässt es sich aus dem WeTab Market laden. Seit Mitte Oktober installiert das WeTab auto­matisch Open Office.

Software enttäuscht

Klingt viel, bringt aber wenig. Bis auf den Webbrowser und Open Office machen die Programme keine gute Figur. Das E-Mail-Programm ist sparta­nisch und bietet null Komfort. Nicht zu vergleichen mit Thunderbird oder ähnlichen Programmen. Der eBook-Reader zeigt nur freie Inhalte, die nicht mit Rechtemanagment geschützt sind (DRM-frei). Als Muster gibt es ein einziges Dokument mit einer Seite! Auch die Mediengalerie bringt wenig: Das WeTab rechnet Fotos auf seine Bild­schirm­auflösung um. Dieses Resampling gerät zum Desaster. Die Software verfälscht die Farben und zeigt Schatten, wo keine hingehören. Oben­drein dreht der Lüfter bei der rechen­intensiven Arbeit auf, um den Prozessor zu kühlen. Das Geräusch nervt.

WeTab spielt leise

Beim Abspielen von Videos fehlt es dem WeTab dagegen an Power. Die Laut­stärke ist gering. Das iPad ist lauter. Volle Laut­stärke beim WeTab entspricht etwa 60 Prozent Laut­stärke beim iPad. Oben­drein klingen die beiden Laut­sprecher des WeTabs höhenlastig und dünn.

Start ohne Multi-Touch

Ein Tablet-Computer lebt von der intuitiven Bedienung. Das Gerät reagiert auf Finger­zeig und Haltung. WeTab verspricht ein Produkt, das der Nutzer ohne jegliche Vorkennt­nisse intuitiv bedienen kann. Dreht der Anwender das Gerät, wandert die Anzeige mit. Steht das Gerät im Hoch­format, zeigt auch das Display das Hoch­format. Ein Bewegungs­sensor machts möglich. Der funk­tioniert soweit. Doch intuitiv heißt mehr: Multi-Touch. Bilder mit den Fingern groß­ziehen, zusam­menschieben und Texte scrollen. Bis Mitte Oktober funk­tioniert Multi-Touch beim WeTab nicht recht. Trotz zahlreicher Updates.

WeTab stürzt ab

Ob Drehen oder Finger­spreizen: Immer wieder stürzt das WeTab dabei ab. Volle Multi-Touch-Funk­tion bringt erst das Update am 19. Oktober, Version 2.0. Endlich funk­tionieren die längst versprochenen Funk­tionen, die vorher fehlten oder hakelten. Ganz aus der Welt ist das Problem durch das Update aber noch nicht. Auch nach dem Update stürzte das WeTab bei der Multi-Touch-Bedienung vereinzelt noch ab.

Bild­schirm enttäuscht

Ein Tablet-Computer ist Bild­schirm pur. Ob Anzeige oder Steuerung: Alles läuft über den Bild­schirm. Ausgerechnet hier enttäuscht das WeTab. Der Bild­schirm spiegelt – im Sonnenlicht extrem. Der Blick­winkel ist miserabel. Nur wer frontal auf den Bild­schirm schaut, bekommt ein ansehnliches Bild. Ein paar Grad von der Seite nur und das Bild wird stumpf. Die Farben verblassen. Buch­staben werden unles­bar. Selbst auf dem Schoß lässt sich die virtuelle Tastatur kaum sinn­voll bedienen. Sie ist aus diesem Blick­winkel schon schlecht zu erkennen. Auch liegend auf dem Schreibtisch wird das Bild nicht besser. Wer das WeTab statt­dessen in der Hand hält, trägt rund ein Kilo. Zum Tippen bleibt dann nur die zweite Hand. Unpraktisch, nervig, ermüdend.

Akku enttäuscht

Ein Tablet-Computer soll frei und unabhängig machen. Surfen vom Sofa, Video im Zug und mailen aus dem Café. Das macht der Akku des WeTabs nicht lange mit. Beim Surfen hält er gerade drei­einhalb Stunden. Videos spielt das WeTab nur für zwei bis drei Stunden, dann ist der Akku leer. Apples iPad unterhält auch auf längeren Reisen: Bis zu 10 Stunden Video oder Surfen sind drin.

App-Store enttäuscht

Software fürs WeTab gibt es – wie beim iPad – über den Store. Der heißt beim WeTab Market. Während der App-Store von Apple über tausend Apps für das iPad listet, sind es im WeTab Market keine 80. Am 20. Oktober 2010 listet der Store von WeTab gerade 31 Apps, 13 Mini-Apps und 32 Bookmarks (Links auf Webapp­likationen). Die versprochene Anbindung an den Android-Store (Google) fehlt. Ein Bezahl­system gibt es im WeTab-Store noch nicht. Kein Anreiz für Programmierer von neuen Programmen.

Falsches Zeugnis

Fazit: Das WeTab ist keine Alternative zu Apples iPad. Die Hard­ware über­zeugt nicht. Die Software ist unfertig. Die Programmierer von WeTab sind nicht zu beneiden. Sie haben viel Arbeit, wenn sie dieses Projekt noch richten wollen. Ihr Geschäfts­führer, Helmut Hoffer von Ankers­hoffen, hat sie inzwischen verlassen. Er veräppelte einmal zuviel: "Das WeTab ist nicht gut, sondern sehr, sehr gut" lautete sein Kommentar im Online­shop von Amazon. Leider benutzte Hoffer von Ankers­hoffen dabei den Namen Peter Glaser und nicht seinen eigenen. Ein Verstoß gegen das achte Gebot: "Du sollst kein falsches Zeugnis geben". Das war seiner Firma zu heftig: Hoffer von Ankers­hoffen musste gehen.

Test­kommentar: Nicht ausgereift
Tabelle: WeTab - im Vergleich zu iPad und Netbook

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