24.05.2013

Tennis­arm: Kortison­spritze kann Heilung behindern

Tennisarm Meldung

Ein Tennis­arm oder Tennis­ellenbogen tritt häufig nach einer einseitigen Belastung des Arms auf. Eine gängige Therapie ist das Spritzen von Kortison – was laut einer neuen klinischen Studie zwar kurz­fristig Erfolge bringt, die Heilung aber lang­fristig sogar behindern kann. test.de informiert über die Erkrankung und Behand­lungs­möglich­keiten. Meist sind die Heilungs­aussichten sehr gut.

Tennis­arm durch Über­forderung des Unter­arms

Längst nicht nur Tennis­spieler können einen „Tennis­arm“ oder „Tennis­ellenbogen“ bekommen. Die schmerzhafte Krankheit – fach­sprach­lich Epikondylopathia oder Epikondylitis radialis humeri – entsteht, weil einseitige Belastungen die Sehnen und Muskeln des Unter­arms dauer­haft über­fordern. Das passiert nicht nur beim namens­gebenden Tennis oder anderen Schläger­sport­arten, sondern auch bei Reno­vierungs-, Haus­halts- und Garten­arbeiten. Auch manche Handwerks­berufe können die Unter­arme strapazieren, genau wie ausgiebiges Tippen und Klicken am Computer. Oft hängen die Beschwerden mit einer falschen Haltung oder Technik zusammen. So leiden professionelle Tennis­spieler weit­aus seltener am Tennis­arm als Amateure. Ein Fehler, der zum Tennis­ellenbogen führen kann ist das Schwingen des Schlägers aus dem Hand­gelenk.

Schmerzen strahlen vom Ellenbogen aus

Beim Tennis­ellenbogen sind die Sehnen­ansätze der Unter­armmuskeln durch chro­nische Über­lastung gereizt. Typischer­weise macht sich das am Ansatz­punkt bemerk­bar: durch Schmerzen und Druck­schmerz an der Außenseite des Ellenbogens. Meist verstärken sich die Schmerzen bei Belastung, etwa beim Greifen oder Heben, und können im fort­geschrittenen Stadium in den gesamten Unter­arm ausstrahlen. Auch die Kraft im Hand­gelenk kann nach­lassen.

Studie zu zwei typischen Behand­lungs­methoden

Zur Behand­lung kommt ein ganzer Strauß von medikamentösen und nicht-medikamentösen Methoden zum Einsatz, oft auch in Kombination. Zwei ziemlich verbreitete – das Spritzen von Kortison und Physio­therapie – haben Forscher um Dr. Bill Vicenzino von der australischen University of Queens­land mit einer klinischen Studie untersucht, die sie jetzt veröffent­licht haben. Die Wissenschaftler hatten 165 Patienten, die im Schnitt seit vier Monaten an einem unbe­handelten einseitigen Tennis­ellenbogen ohne gleich­zeitige Nacken- oder Ober­armschmerzen litten, in Gruppen einge­teilt: Die eine Hälfte bekam Kortison gespritzt, die andere eine Injektion mit physiologischer Kochsalzlösung, also ein Scheinmedikament – ein sogenanntes Plazebo. Beide Gruppen wurden nochmals unterteilt: Jeweils die Hälfte erhielt zusätzlich zu den Injektionen eine Physio­therapie.

Schlechtere Heilung bei Kortison­spritze

Vier Wochen später ging es den Patienten, die Kortison bekommen hatten, deutlich besser als denen ohne. Doch dann verkehrte sich das Bild ins Gegen­teil: Nach einem Jahr waren 96 Prozent der Studien­teilnehmer, die nur eine Scheininjektion (mit oder ohne Physio­therapie) erhalten hatten, voll­ständig geheilt. Das war aber nur bei 83 Prozent der Teilnehmer aus den beiden Kortison-Gruppen der Fall (mit oder ohne Physio­therapie). Bei vielen dieser Patienten waren die Beschwerden nach der anfäng­lichen Besserung zurück­gekehrt. Weshalb die kurz­fristigen Erfolge der Kortison­spritze mit einem schlechteren Lang­zeit­ergebnis erkauft werden, dazu gibt es verschiedene Theorien. Möglicher­weise verleitet die schnelle Linderung Patienten dazu, den Arm zu früh wieder voll zu belasten, was die Heilung behindert. Jedenfalls bestätigt die neue Studie einen schon länger gehegten Verdacht: Patienten sollten sich nicht leicht­fertig eine Kortison­spritze geben lassen. Vielmehr sollten sie mit dem Arzt genau abwägen, ob sie für eine kurz­fristige Schmerzlin­derung mögliche lang­fristige Nachteile in Kauf nehmen möchten.

Rolle der Physio­therapie weiter unklar

Etwas bessere, aber auch nicht über­ragende Ergeb­nisse liefert die australische Studie bezüglich der Physio­therapie. Jeweils die Hälfte der mit Kortison- oder Plazebo-Injektionen behandelten Teilnehmer hatte einmal wöchentlich über acht Wochen eine manuelle Therapie erhalten (Informationen über diese und viele weitere Behand­lungs­methoden bietet das Buch Schmerztherapie der Stiftung Warentest). Zudem erlernten diese Patienten unter Anleitung ein Übungs­programm mit einem elastischen Latexband („Thera-Band“), das sie zweimal täglich eigen­ständig durch­führen sollten. Diese kombinierte Physio­therapie, die hohe Motivation erfordert, besserte die Beschwerden und verringerte den Bedarf an Schmerz­mitteln – doch nur bei der Plazebo-, aber nicht bei der Kortison-Gruppe, und auch nur vier Wochen nach Beginn der Studie. Nach einem Jahr gab es bei den Heilungs­raten keinen Unterschied. Bei diesem eher enttäuschenden Ergebnis ist zu beachten, dass die Unter­suchung nur eine spezielle Form der Physio­therapie bei einer speziellen Gruppe von Patienten betrachtet. Viele Betroffene leiden an beidseitigem Tennis­ellenbogen oder quälen sich auch mit Nacken- oder Ober­armschmerzen, wurden aber in die Studie nicht einbezogen. Sie könnten möglicher­weise eher von einer Physio­therapie profitieren.

Schonen wichtig, Heilungs­chancen gut

Auch für viele andere Behand­lungs­methoden, die bei Tennis­ellenbogen zum Einsatz kommen, wie etwa Kälte- oder Wärmeanwendung oder Spritzen mit Lokalan­ästhetika, Verbände und Bandagen, Ultra­schall- oder Elektrotherapie, lassen die bisherigen Studien noch keine abschließende Bewertung zu. Nach dem jetzigen Wissens­stand sind zu Beginn der Beschwerden Schonung und bei Bedarf Salben mit Schmerz­mitteln und Schmerz­mittel zum Einnehmen, etwa mit den Wirkstoffen Ibuprofen und Diclofenac sicherlich eine gute Strategie. Patienten sollten versuchen, die auslösende Tätig­keit gemäß ärzt­licher Absprache zu meiden. Lang­fristig ist es wichtig, die Technik bei den fraglichen Aktivitäten zu über­prüfen und zu korrigieren, wenn das möglich und nötig sein sollte. So lässt sich etwa am Computer das Hand­gelenk durch regel­mäßige Pausen entlasten und durch Auflagepolster oder eine ergono­misch geformte Tastatur oder eine entsprechend geformte Maus unterstützen. Eventuell begüns­tigen auch physio­therapeutische Maßnahmen die Heilung. Eine Operation kommt höchs­tens in Frage, wenn schwere Beschwerden lange andauern. Das scheint zum Glück nur selten zu passieren, wie die australische Studie bestätigt. Bei mehr als 90 Prozent der teilnehmenden Patienten, die Plazebo-Lösung gespritzt bekamen, waren die Symptome inner­halb eines Jahres verschwunden.

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