28.03.2007

Schlankheitsmittel: Krank statt schlank

Schlankheitsmittel Test
Typische Behälter für Fatburner und deren große, bunte Kapseln.

„Mit wenigen Klicks zur Traumfigur“, versprechen die Anbieter im Internet. „Gesundheitsgefährdung sehr hoch“, lautet unser Urteil für viele ihrer Abspeckmittel.

Mit Barbie-Maßen durchs Leben gehen? Kein Problem, das richtige Schlankheitsmittel wirds schon richten: „Verlieren Sie so viel Gewicht, wie Sie wollen“, und das „an den richtigen Stellen“. So tönt es aus dem Internet. Wer Begriffe wie „abnehmen“ und „Diät“ in die Suchmaschinen eingibt, landet ohne Umschweife auf Seiten, die Schlankmacher aller Art feilbieten. Wohlgeformte, fitte Menschen strahlen uns dort entgegen, unter blauem Himmel laufen sie am Strand entlang. Als wollten sie via Bildschirm sagen: Schlanksein gehört zum glücklichen Leben, Schlanke haben Erfolg – und auch du kannst es schaffen.

Kühl kalkulierend zielen viele Anbieter auf die empfindliche Seite derer, die erfolglos gegen ihre Pfunde kämpfen und darunter leiden. Der Schwarzmarkt im Internet boomt, jeder kann hier einfach bestellen. Vor allem Fatburner (Fettverbrenner) mit Ephedrin sind gefragt: Sie versprechen, das überschüssige Körperfett zum Schmelzen zu bringen und in Energie umzuwandeln – sogar im Schlaf.

Doch was passiert wirklich im Körper? Wir haben aus der Welt der bunten Kapseln 16 Mittel ausgesucht und über das Internet bestellt. Darunter Produkte mit Inhaltsstoffen, die „in“ sind wie Guggulsterone und Hoodia, aber auch mit alten Bekannten wie Ephedrin und Sibutramin (siehe „Glossar“). Ihre Analyse im Labor förderte Erschreckendes zutage: 13 Schlankheitsmittel bergen eine hohe bis sehr hohe Gefahr für die Gesundheit. Das Unberechenbare an ihnen: In vielen Kapseln lauert ein unbekannter, böser Cocktail. Und nicht immer sind seine Zutaten, die Inhaltsstoffe, angegeben.

Die meist klobigen Kapseln erreichten uns in abenteuerlichen Paketen aus weiter Ferne oder über deutsche Zwischenhändler, die in keinem Telefonbuch stehen. Der Zoll fing kein einziges Paket ab. Neben dem Kapselinhalt haben wir die Werbung analysiert. Ihre Versprechen sind fast immer größer, als der gesunde Menschenverstand erlaubt. Trotzdem – oder gerade deshalb – werden die Mittel immer wieder mit Erfolg an den Mann und die Frau gebracht.

Hoffen auf ein Wunder

Wie viele Menschen zu den harten Schlankheitsmitteln aus dem Internet greifen, ist nicht bekannt. In einer Online-Umfrage suchten wir Anfang des Jahres Nutzer und fragten sie nach ihren Erfahrungen. Von den 3 000 Teilnehmern hatten 14 Prozent solche starken Kapseln wie im Test schon ausprobiert. Viele schrieben uns, dass die Mittel unwirksam oder sogar gefährlich seien. Einige trugen durch sie Essstörungen oder Herz-Kreislauf-Probleme davon. Andere gestehen: „Ich brauchte Jahrzehnte, um zu akzeptieren, dass sie nicht helfen.“ Und doch geben viele die Hoffnung nicht auf: „Ich hätte gern ein gesundes Schlankheitsmittel, das auch wirkt.“

Das Beängstigende: Einige nehmen die heftigen Nebenwirkungen in Kauf, obwohl sie davon gehört hatten. Andere waren bis zur Einnahme ahnungslos und lernten die Nebenwirkungen dann notgedrungen kennen – so wie etwa jeder dritte Umfrageteilnehmer, der mit den Mitteln im Test schon experimentierte.

Riskanter Mix: Ephedrin und Koffein

Wer zu Fatburnern greift, bekommt die beworbenen Energieschübe oft in Form von Schweißausbrüchen, Herzrasen und Schlaflosigkeit zu spüren. Die Kapseln haben es in sich. Am höchsten dosiert waren jene, die unter dem Namen ThermoGenesis vertrieben werden: Pro Kapsel fanden wir etwa 20 Milligramm Ephedrin und 340 Milligramm Koffein. Dieser Cocktail aus Ephedrin und Koffein verstärkt die Wirkung und kann zu Herzrhythmusstörungen führen. Das Koffein war nicht einmal angegeben. Schluckt man wie empfohlen zwei Kapseln am Tag, entspricht das etwa zehn Tassen Kaffee. Die Werbung – „einfach eine Kapsel nehmen und ausprobieren“ – klingt da wie Hohn. Ähnlich stark, dazu mit Azetylsalizylsäure versetzt, waren die Pillen von Dyma-Burn Xtreme.

Mit dem Leben bezahlt

Ephedrin, das aus dem Ephedrakraut stammt (auf Chinesisch Ma-Huang), ist wegen seiner suchterregenden Eigenschaften und Nebenwirkungen bei uns verschreibungspflichtig. Bei Diätbesessenen und Bodybuildern kam es schon zu Todesfällen. Koffein steckt in Kaffee und Tee, in kleinen Mengen sind wir daran gewöhnt. Zu viel aber schadet. In Stacker 2 und Stacker 3 XPLC war es hochdosiert, dazu gemischt mit dem früher in Potenzmitteln eingesetzten Yohimbin.

Gefährliche Überraschung aus Fernost

Noch häufiger als Yohimbin kommt ein Appetitzügler zum Einsatz, und das oft heimlich: Sibutramin. Wir fanden ihn in allen vier Produkten von Lida, angegeben war er nicht. Er soll im Gehirn das Sättigungsgefühl erhöhen. In Darling Tian Ran Jian Fei und Lida Dai Dai Hua Jiao Nang versteckten sich rund 20 Milligramm, in Miaozi und Meizitang gut neun und knapp sieben Milligramm. Zum Vergleich: In Deutschland ist Sibutramin im Medikament Reductil auf 10 bis 15 Milligramm pro Kapsel beschränkt und muss ärztlich überwacht werden. Bereits eine geringe Dosis kann zu Herzrasen und erhöhtem Blutdruck führen.

Umso ästhetischer und harmloser präsentieren sich die speziell Frauen ansprechenden Produkte im Lida-Shop im Internet. Die Mittel mit den ellenlangen Namen berufen sich auf chinesische Traditionen und sind angeblich rein pflanzlich. Doch alle vier erwiesen sich als sehr gefährlich. Wie schwer es ist, ihren Vertrieb im Internet zu stoppen, zeigt die Geschichte des schon lange bekannten Lida-Schlankheitsmittels Evolution Slim & Slender. Es verstößt gegen das Arzneimittelgesetz, ist verboten, taucht aber immer wieder auf. Da sich Onlinehändler strafbar machen, wenn sie die Schlankmacher-Pillen jedermann frei anbieten, ziehen die Webseiten oft um, kehren woanders leicht verändert wieder. Nicht alle Seiten, auf denen wir noch vor kurzem nach Mitteln suchten, gibt es heute noch.

„Spektakuläres“ Hoodia

Neu und stark umworben ist Hoodia, das Pulver einer kaktusähnlichen Pflanze aus Südafrika. Buschmänner nutzten es, „um auf langen Jagdzügen die Leistungsfähigkeit zu erhalten“. Sagt die Werbung und preist es als „spektakuläres, neues Abnehmmittel“, das „radikal mit Gewichtsproblemen abrechnet, weil es das Hungergefühl hemmt“. In den sandfarbenen Original-Hoodia-Gordonii-Kapseln konnten wir Hoodia aber gar nicht nachweisen, das Gesundheitsrisiko daher nicht abschätzen. Die Unbedenklichkeit von Hoodia ist nicht ausreichend belegt. Das gilt auch für die Mittel mit Guggulsteron, einer Substanz aus dem Guggulbaum.

Neue Hoffnung „Anti-Fett-Pille“

Speziell für stark Übergewichtige gibt es seit Herbst 2006 eine neue Hoffnung: die „Anti-Fett-Pille“ Acomplia. Obwohl sie rezeptpflichtig ist und vom Arzt nur mit einem Diät- und Bewegungsplan verschrieben wird, kann sie im Internet auch illegal bestellt werden. Der Wirkstoff Rimonabant blockiert im Körper das Cannabinoid-System und hemmt so den Hunger. Bisherige Studien ergaben, dass 20 Milligramm Rimonabant pro Tag das Gewicht reduzieren können, bei vielen Probanden aber starke psychische Nebenwirkungen wie Depressionen und Angst hervorrufen. Viele Studienteilnehmer brachen die Tests vorzeitig ab. Acomplia ist daher nur mit Einschränkung zur Gewichtsabnahme geeignet.

Mehr bewegen, besser essen

Wenn alle Schlankheitsmittel nur mit Vorsicht zu genießen sind, was dann? Immerhin quälen sich viele mit ihrem Gewicht. Jedes vierte junge Mädchen fühlt sich zu dick – doppelt so viel wie die Jungs. Die Mode- und Werbewelt präsentiert ihnen kaum alternative Schönheitsideale. Eine der wenigen Ausnahmen sind die molligen Models der Kosmetikmarke Dove.

„Im Grunde hilft nur FdH“, rät jemand in unserer Online-Umfrage, grob gesagt „Friss die Hälfte“. Das führt aber meist zum Jojo-Effekt, am Ende sind die lästigen Kilo wieder drauf. Auch wenn es viele nicht mehr hören können: Es geht nur mit einer Änderung des Lebensstils – mehr bewegen, besser essen. Viele schaffen das nicht allein und sollten sich Unterstützung suchen, etwa bei der Krankenkasse oder einer Ernährungsberatung. Sicher ist nur: Schlankheitspillen sind ein denkbar ungeeignetes Mittel, seinen Körper in Form zu bringen.

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