18.06.2010

Planspiele Betriebswirtschaft: Spielspaß für die Karriere

Planspiele Betriebswirtschaft Test

Lernen muss nicht zwingend trockenes Pauken im Seminar­raum bedeuten. Es geht auch anders – etwa mit Planspielen. Die Stiftung Warentest hat sieben Planspiele zum Thema Betriebswirtschaft getestet. Fazit: Damit lassen sich komplexes Denken und betriebswirtschaftliche Kenntnisse auch auf spielerische Weise trainieren.

Aktionspunkte im PC-Lernspiel

Nach genau 21 Minuten war Schluss. Der drohende Staatsstreich beendete die zehnjährige Regierungszeit im Industrieland Kybernetien. Zwei Jahre früher als vorgesehen. Was war schief gelaufen beim ersten Versuch mit dem PC-Planspiel Ecopolicy? Warum kam der Bereich „Politik“ trotz der vielen Aktionspunkte für „Lebensqualität“ und „Aufklärung“ nicht aus dem bedenklich roten Feld heraus? Antwort gibt der Spielkommentar: „Ihre Bilanz zeigt, dass Sie zwar für sich gesehen auf Einzelgebieten positive Entscheidungen getroffen haben, der Staatsstreich führt Ihnen jedoch vor Augen, dass das ohne Beachtung der Vernetzung auch zu einem Umkippen der Lage führen kann.“ Der Lernerfolg liegt auf der Hand: Das große Ganze im Blick behalten! Die Stiftung Warentest hat untersucht, ob sich Planspiele wie Ecopolicy dazu eignen, komplexes Denken und betriebswirtschaftliche Kenntnisse zu trainieren. Im Test: sieben Produkte unter 250 Euro.

Vom Zinnsoldaten zum Onlinespiel

Mit Spaß Neues ausprobieren, die Folge der eigenen Handlungen verstehen und so besser für schwierige Entscheidungen im Berufsalltag gerüstet zu sein – das ist die Grundidee von Planspielen wie Ecopolicy. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (Bibb) hat diese Lernform umfassend untersucht. Sein Fazit: Sie „fördern das komplexe und vernetzte Denken, und außerdem macht das Lernen mit Planspielen auch noch Spaß.“ Neu sind solche Trainings nicht. „Schon seit 1815 übten preußische Offiziersanwärter mit Zinnsoldaten Gefechte im Sandkasten“, sagt Professor Dietrich Dörner im Interview. Er beschäftigt sich bereits seit 40 Jahren mit Planspielen. Im 20. Jahrhundert bereiteten viele Unternehmen ihre Mitarbeiter spielerisch auf künftige Aufgaben vor, erst per Brettspiel, seit Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts zunehmend per Computer.

Planspielboom in Unternehmen

Einen wahren Planspielboom haben die Entwicklung der hochauflösenden Computergrafik und die Kommunikationsmöglichkeiten des Internets in Firmen und Ausbildungsstätten ausgelöst. Planspiele, in denen die betriebliche Realität simuliert wird, sind vielerorts fester Bestandteil der Aus- und Weiterbildung. So schulen heute bei Mercedes Auszubildende betriebswirtschaftliche Fähigkeiten über das Online-Planspiel Star Motors. Diese Simulation bildet ein typisches Autohaus ab, in dem die Azubis als Autohändler unter anderem über Kommissionen für Verkäufer entscheiden und Finanzierungsoptionen für Kunden entwickeln müssen

Virtuelle Börsenübung für fünf Millionen Schüler

Bei der Metro Group treten vier Mal jährlich etwa 100 Mitarbeiter in Teams bei Metro Business Simulation gegeneinander an. Die weltweit eingesetzten Teilnehmer müssen die richtigen strategischen Entscheidungen im virtuellen Konzern treffen – natürlich online und auf Englisch. Auch Jugendliche haben bereits mit dieser Lernform Erfahrung: Allein beim Planspiel Börse der Sparkassen kämpften bisher mehr als fünf Millionen Schüler darum, mit der besten Strategie für ihr Wertpapierdepot möglichst viel aus einem fiktiven Startkapital herauszuholen.

Zusammenhang von Ursache und Wirkung

Die genannten Simulationen sind nicht zu kaufen. Doch ob Firma, Universität oder Schule – das didaktische Prinzip ist immer gleich: Teams einer geschlossenen Einheit lernen und trainieren anhand von möglichst realitätsnahen Simulationen meist betriebswirtschaftliches Wissen – oft mit dem Ziel, es später im Alltag auch anzuwenden. Der Vorteil liegt auf der Hand. In einer zunehmend komplexen Welt müssen immer mehr Mitarbeiter schnell und flexibel entscheiden. Im Planspiel können sie Varianten spielerisch ausprobieren und den Zusammenhang von Ursache und Wirkung erleben, ohne sich eine blutige Nase zu holen. „Learning by doing“ also. Ein Spielleiter sorgt in diesen Fällen dafür, dass die Spielzüge nachbereitet werden und Teamarbeit und soziales Lernen nicht zu kurz kommen.

„Serious game“oder Strategiespiel?

Der Markt für Verbraucher ist deutlich kleiner. Hier gibt es vor allem Individualspiele. 48 listete das Bibb 2008 auf, von „Burnout: Krankenpflege“ über „Eva“ für Existenzgründer bis zur Landwirtschaftssimulation „Bauer“. Die Stiftung Warentest wollte wissen, ob sich solche Spiele eignen, komplexes Denken und betriebswirtschaftliche Kenntnisse für den Beruf zu trainieren. Die Produkte sollten dabei weniger als 250 Euro kosten und BWL-Bezug haben. In den Test kamen zwei CD-Roms, ein Online-Spiel und drei Produkte, die im Internet zum Download bereitstehen. Außerdem dabei: ein Brettspiel für mehrere Personen. Die Marktrecherche zeigte: Oft kann der Laie anhand der Verpackung oder Webinformationen kaum erkennen, ob es sich um ein Planspiel mit Lernziel handelt oder doch um ein reines Unterhaltungsprodukt. Für zusätzliche Verwirrung sorgt dabei die Tatsache, dass selbst Fachleute Begriffe wie „Serious Game“, „Strategie-“ und „Simulationsspiel“ unterschiedlich benutzen (siehe Glossar Planspiele).

Training für die Karriere mit bezahlbaren Produkten

Für den Test untersuchte je ein Experte das Konzept, den Spielspaß und die Lerneignung. Jeweils acht Studenten probierten die Spiele als Nutzer aus. Zum Vergleich hat ein Experte außerdem ein offenes Planspielseminar besucht. Erfreuliches Testergebnis: Auch bezahlbare Planspiele können komplexes Denken und BWL-Kenntnisse trainieren und dazu noch Spaß machen. Das eine gute Spiel für jeden gibt es allerdings nicht. Dafür sind die Zielgruppen und die Möglichkeiten der Produkte zu unterschiedlich. Bis auf das für einen Seminareinsatz konzipierte Brettspiel „The Beer Game“ richten sich alle Produkte an Einzelspieler am PC. Ecopolicy eignet sich besonders gut für Spieler ohne betriebswirtschaftliche Vorkenntnisse.

Das macht ein gutes Spiel aus

Die Stiftung Warentest stellt an ein gutes Planspielkonzept mehrere Anforderungen:

  • Realistätsnah. Je realistischer das Spiel, etwa Grafik und Aufgabenstellung, desto eher kann sich der Spieler mit der Spielfigur identifizieren.
  • Komplex und vernetzt. Sind die Spielinhalte komplex und vernetzt, erkennt der Spieler die Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung.
  • Intransparent. Der Spieler sollte längst nicht jede Situation auf Anhieb durchschauen. Im Berufsleben ist das nicht anders. Trotzdem muss er – oft unter Zeitdruck – eine Entscheidung fällen.
  • Eigendynamisch. Ein Spiel, das, anders als ein Schachspiel, viele eigene Antworten bereithält. Je mehr Elemente es gibt, die der Spieler nicht steuern kann, desto dynamischer ist also ein Spiel.
  • Feedback. Rückmeldungen auf die Entscheidungen des Spielers machen ihm bewusst, dass er etwas lernt. Das ist ein Unterschied zum Unterhaltungsspiel.

Planspielseminare viel teurer

Wer seine BWL-Kenntnisse lieber im Team und unter Anleitung eines Trainers üben möchte, kann dies in einem Planspielseminar tun. Berufstätige finden die Kurse zum Beispiel in den Weiterbildungsdatenbanken Seminus oder Seminarmarkt, die vor allem Angebote für Führungskräfte auflisten. Neben vielen betriebsinternen Kursen gibt es dort auch einige offene, oft teure Planspielseminare. Das Spektrum reicht zum Beispiel vom zweieinhalb Tage dauernden Kurs „Facility Management profitabel machen“ zum Preis von 795 Euro über ein dreitägiges „BWL-Grundlagenspiel“ für 1 390 Euro bis zum Fünf-Tages-Kurs „Management kompakt“ für 3 510 Euro.

Kurzinfos vom Trainer

Um einen Eindruck von den Kursen zu gewinnen, hat ein Experte für die Stiftung Warentest exemplarisch ein dreitägiges Unternehmensplanspiel mit Schwerpunkt Betriebswirtschaft besucht. Sein Fazit: Der Kurs eignete sich besonders gut, um neues Wissen zu erwerben. Erstens, weil der Trainer zwischen den Spielrunden am PC immer wieder kurz und bündig über einzelne Aspekte der Unternehmenssteuerung informierte. Zweitens konnten die Teilnehmer ihm während des Spiels ganz konkrete Fragen stellen.

Lernform der Zukunft für PC-Generation?

Ob im Seminar oder per Computer – bisher ist der offene Planspielmarkt für Verbraucher noch sehr klein. Aufgrund der geringen Nachfrage von Privatpersonen lohnte sich die teure Entwicklung eines aufwendigen Planspiels bisher nicht. Das muss aber nicht so bleiben. Denn in dem Maße, in dem eine computerspielerfahrene Generation in ihre Weiterbildung investieren muss, könnte diese Lernform beliebter werden. Zukunftsforscher Matthias Horx ist optimistisch, dass die Kombination aus Spielen und Lernen auf dem Vormarsch ist: „In der spielerischen Simulation werden künftig Erkenntnisfortschritte erzielt, die das 21. Jahrhundert prägen werden.“

Buchtipps:

Planspiele in der beruflichen Bildung [Medienkombination]. Bundesinstitut für Berufsbildung, (Bibb. Ulrich Bötz (Hrsg.). 5. Aufl. Bielefeld: Bertelsmann, 2008.– 280 S.; 1 CD-Rom, ISBN 978-3-7639-1114-1; 45 Euro.

Dietrich Dörner, Die Logik des Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. Erw. Neuausg. Reinbek bei Hamburg; Rowohlt-Taschenbuch-Verl., 2003. – 346 S. ISBN 3-499-61578;9, 9,90 Euro.

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