11.04.2003

Medizinische Beratung im Internet: Von richtig gut bis voll daneben

Medizinische Beratung im Internet Test

Der Besuch beim Cyber-Doc ist einfach, schnell und bequem. Doch sein Rat ist oft falsch. Unsere Stichprobe zeigt: Individuelle medizinische Beratung im Internet sollte man mit Vorsicht genießen.

Wir wollen nach Jena fahren, um mit den Kindern die Oma zu besuchen. Sie hat ein Häuschen mit Garten etwas außerhalb der Stadt. Sind die Kinder dort durch Zecken gefährdet? Diese Frage haben wir in sechs Gesundheitsforen im Internet gestellt. Nur einmal gab es die richtige Antwort: Die Umgebung von Jena ist ein Zecken-Hochrisikogebiet , eine Impfung gegen Hirnhautentzündung (FSME) wird empfohlen. Die anderen Internet-Docs übersahen die aktuelle Gefährdung – die Gegend war erst vor wenigen Monaten als Hochrisikogebiet für die von Zecken übertragene Hirnhautentzündung FSME ermittelt worden. Fehlt eine Impfempfehlung, ist das aber ausgesprochen gefährlich. Vor allem bei Kindern kann die Infektion zu schweren Gesundheitsschäden führen.

Während die digitale Sprechstunde in den USA schon eine Selbstverständlichkeit ist, dürfen deutsche Ärzte keine Patienten beraten und behandeln, die sie nicht persönlich gesehen und untersucht haben. Eine Ferndiagnose ist nicht erlaubt. Doch auch bei uns bieten zahlreiche Gesundheitsportale ihre Dienste an. Wer sie in Anspruch nehmen will, muss ihre Nutzungsbe­dingungen akzeptieren: Sie enthalten den Hinweis, dass die Auskünfte der Experten unverbindliche Stellungnahmen sind, die einen Besuch beim Arzt oder Apotheker nicht ersetzen.

Die Portale bieten allgemeine Informationen mit Gesundheitsnachrichten, Medizin-Lexika und Erläuterungen zu verschiedenen Krankheiten. In themenspezifischen Diskussionsforen tauschen Internetnutzer, auch Patienten, ihre Erfahrungen aus. Und schließlich gibt es den Expertenrat – Ärzte, Apotheker, Psychologen beantworten persönliche Fragen zu Erkrankungen, Prävention, Diagnose und Therapie.

Der Service der Gesundheitsportale wendet sich vor allem an Menschen, die keine medizinischen Ratgeber wälzen wollen und auch keine Zeit haben, sich selbst langwierig im Internet zu informieren. Sie erwarten von den Gesundheitsexperten schnellen und kompetenten Rat. Doch die Auskünfte sind mit Vorsicht zu genießen, wie unsere Untersuchung zeigt.

Wir wollten wissen, wie gut die Online-Ärzte beraten und ob sie auf individuelle Fragen eingehen. Dazu stellten wir Anfragen in insgesamt 19 allgemein zugänglichen, kostenlosen Gesundheitsforen, die von Ärzten betreut wurden. Außerdem überprüften wir die Qualität von zwei kostenpflichtigen E-Mail-Auskunftsdiensten.

Unsere Anfragen – von der Brustkrebsvorsorge bis zur Zeckengefahr – eigneten sich für eine schriftliche Beratung ohne Arztkontakt, körperliche Untersuchung und Laborwerte. Wir erfassten Lehrbuch- und Statistikwissen, fragten nach den Therapiemöglichkeiten mit einem neuen, in Deutschland noch nicht zugelassenen Medikament und überprüften, ob die Cyber-Docs über aktuelle Risiken informiert sind. In den Foren wurden die Anfragen in der Regel zügig beantwortet: Die Internet-Ärzte reagierten innerhalb von ein bis drei Tagen. Dabei landeten sie einige Volltreffer, lagen aber oft voll daneben. Richtig und vollständig beantworteten sie nur 4 von 24 Anfragen. Die beste Qualität lieferte das Deutsche Medizin Forum – und zeigte gleichzeitig das schlechteste Antwortverhalten. Zu zwei von vier Anfragen kam keine Antwort.

Das Deutsche Medizin Forum ist eines der größten Gesundheitsportale mit mehr als 70 Foren zu fast allen Gebieten der Medizin, auch zu rechtlichen und organisatorischen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Mit wenigen Klicks gelangt der Nutzer von der Homepage über eine Thementabelle in das jeweilige Forum. Auch die Eingabe der Frage ist einfach. Allerdings stört und ärgert, dass bei jedem Klick Werbefenster erscheinen, die jedes Mal weggeklickt werden müssen.

Auf Platz zwei der Qualitätsskala folgt mit deutlichem Abstand das Forum „Gesundheit und Psyche“ der Zeitschrift Focus. Hier saß der einzige Experte der kostenlosen Foren, der die aktuelle Gefährdung durch Zecken richtig einschätzte und entsprechende Empfehlungen geben konnte. Bei den anderen Antworten lag das Forum allerdings eher im unteren Bereich. Als einziger Anbieter hat Focus ein Sammelforum für alle Gesundheitsthemen. Das erspart dem Fragesteller die Suche nach dem geeigneten Forum für sein Problem. Wer sich nur über bestimmte Themen informieren will, verliert sich aber eher in der Informationsflut. Überwiegend richtige Antworten zur Mammographie gab es immerhin in drei von sechs Foren. Deutlich schlechter war die Qualität der Antworten bei allen anderen Themen.

Anmeldung auch mit Fantasienamen

Bei den meisten Gesundheitsportalen ist es einfach, sich in den Foren anzumelden, auch Fantasienamen sind möglich. Gesundheitsberatung und Qualimedic verlangen dagegen detaillierte Angaben zur Person mit Anschrift, E-Mail und Telefonnummer. Per E-Mail wird ein Passwort für die Nutzung des Forums zugeschickt. Das ermöglicht den Betreibern der Gesundheitsportale aber auch, die offenbarten Krankheiten direkt einer Person zuzuordnen – Missbrauch ist da nicht ausgeschlossen. Im Übrigen quoll in der Folge unserer Anfragen das E-Mail-Fach der Testpersonen durch zahlreiche unerbetene Werbemails von Qualimedic über.

Aufwendiger ist das Prozedere bei den kostenpflichtigen Auskunftsdiensten von Medicine-Worldwide und Netdoktor. Zunächst sind mehrere Seiten Nutzungsbedingungen und allgemeine Geschäftsbedingungen zu lesen und zu akzeptieren. Netdoktor erhebt nach Eingabe der Frage wichtige Daten zur Gesundheit und zur Einnahme von Medikamenten. Kurze Zeit später kommt eine Bestätigung, dass die Frage an einen Experten geschickt wurde, nach zwei bis vier Tagen ist die Antwort da. Bezahlt wird mit Kreditkarte.

Bei Medicine-Worldwide kann nur per Banküberweisung gezahlt werden. Erst nach Eingang der Bezahlung wird die Frage an den Experten weitergeleitet – der Ratsuchende erhält allerdings keine Bestätigung und bleibt völlig im Unklaren über den Stand der Dinge. Das ist auch deshalb besonders ärgerlich, weil Medicine-Worldwide sich zwei bis drei Wochen Zeit ließ, um unsere Fragen zu beantworten. Außerdem wurden wir über Fehler bei der Buchung der Überweisung erst auf Nachfrage informiert.

In der Qualität der Antworten punktete Medicine-Worldwide mit zwei zu eins gegenüber Netdoktor – zwei Volltreffer und eine Fast-Niete. Beide Be­zahl­dienste schickten den Ratsuchenden sehr ausführliche Informationstexte, wobei die Qualität von Netdoktor allerdings nicht besser war als die der kostenlosen Fo­ren. Medicine-Worldwide lieferte die besten, detailliertesten und nützlichsten Antworten der Unter­su­chung – wobei der Auskunftsdienst mitteilte, sich wegen der Pannen bei der Abwicklung bemüht zu haben, „besonders umfangreiche Informationen zusammenzustellen“.

Unsere Untersuchungsergebnisse sind nur eine Momentaufnahme. Wir beurteilten die Qualität jeweils für ein spezielles Forum eines bestimmten Anbieters und den gerade antwortenden Experten. Wegen der sehr unterschiedlichen themenzentrierten Expertenforen der einzelnen Anbieter sind auch die Foren untereinander nicht vergleichbar, selbst wenn wir dort dieselbe Anfrage eingestellt haben. Obwohl es sich nur um eine Stichprobe handelte, sind die vielen falschen Antworten doch erschreckend. Immerhin wurden sie unter der Überschrift „Expertenforum“ gegeben.

Einige allgemeine Rückschlüsse lassen unsere Ergebnisse zu, auch wenn sie nicht repräsentativ sind: Die Qualität der Antworten variierte von sehr gut bis sehr schlecht. Ein Ratsuchender kann das aber nicht einschätzen. Würde er den Auskünften immer vertrauen, müsste er im Einzelfall mit gesundheitlichen Schäden rechnen. Eine medizinische Internet-Beratung kann dennoch in einigen Fällen sinnvoll sein, etwa um sich auf einen Arztbesuch vorzubereiten, eine zweite Meinung einzuholen, komplizierte Zusammenhänge zu verstehen oder auch um „peinliche“ Themen anzusprechen, auf die einige vielleicht nicht von Angesicht zu Angesicht eingehen möchten. Doch sicherheitshalber sollten Sie mehrere Anfragen ins Netz stellen und die Antworten der Cyber-Docs vergleichen. Wer akute Beschwerden hat, sollte aber lieber gleich zum leibhaftigen Arzt gehen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Surfen und prüfen

Dieser Artikel ist hilfreich. Nutzer finden das hilfreich.

Kommentare (0)

weitere Kommentare anzeigen

Alle Kommentare anzeigen

Schreiben Sie bitte einen Kommentar

Nur registrierte Nutzer können Kommentare verfassen. Jetzt einloggen oder Neu registrieren.
Individuelle Fragen richten Sie bitte an den Leserservice