25.07.2002

Medikamente gegen Schmerzen: Ein Wirkstoff reicht

Medikamente gegen Schmerzen Test

Vor mehr als 100 Jahren trat Aspirin seinen Siegeszug an – als Schmerzstiller in allen Lebenslagen. Heute ist sein Wirkstoff Azetylsalizylsäure (ASS) als Schmerzmittel nicht mehr in jedem Fall die beste Wahl. Ibuprofen rückt nach vorn.

Es brummt der Schädel, der Zahn „zieht“, im Unterleib krampfts, Kopf-, Nerven- oder Regelschmerzen plagen von Zeit zu Zeit Millionen Menschen. Kopf- und Regelschmerzen lassen in den meisten Fällen nach wenigen Stunden wieder nach. Schneller noch sind sie mithilfe von Schmerzmitteln zu vertreiben.

Ein ernstes medizinisches Problem ist die steigende Zahl dauerhaft Schmerzkranker mit Rü­cken-, Gelenk- und chronischen Kopfschmerzen. Diese Patienten greifen oft längerfristig auf „rezeptfreie“ Schmerzmittel aus der Apotheke zurück.

Für die Untersuchung haben wir 149 der am meisten verkauften Schmerzmittel ausgewählt. 109 Pharmaprodukte wurden positiv beurteilt. Dabei handelt es sich um Präparate mit Azetylsalizylsäure (ASS), Ibuprofen oder Parazetamol. Hinzu kommt Naproxen, ein für die Selbstbe­handlung neuer Wirkstoff. Seine Wirkung tritt schnell ein und hält bis zu zwölf Stunden lang an. So hat es bei andauernden Schmerzen Vorteile gegenüber ASS, Ibuprofen und Parazetamol, deren Wirkung zwei bis sechs Stunden anhält.

Erhebliche Unterschiede gibt es beim Preis. So ist mit 0,31 Euro pro Tageshöchstdosis das Präparat ASS 500 der Firma 1 A Pharma das preiswerteste Produkt, Alka-Selzer Classic Brausetabletten mit 3,93 Euro für die ASS-Tageshöchstdosis das teuerste – ein Preisunterschied von mehr als 1 000 Prozent. Beim Paracetamol-Präparat „Contac Erkältungstrunk“ müssen für die Tageshöchstdosis sogar 5,47 Euro bezahlt werden. Gegenüber ASS ist auch die Einnahme von Ibuprofen in der Tendenz teuer – und die aufgeführten alternativen Schmerzmittel haben ohnehin ihren Preis. Besonders günstig sind Generika (Nachbaupräparate) und Reimporte aus dem Ausland – einfach in der Apotheke danach fragen.

Falsche Fährten

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Schmerzmittel mit reichlich Wasser einnehmen – auch Kautabletten. Von Vorteil: Brausetabletten.

Wer ein Schmerzmittel auswählen will, wird mit einem Sortimentswirrwarr konfrontiert, obwohl die Zahl der wirksamen Substanzen recht überschaubar ist. Mal beschränkt sich der Anspruch des Herstellers auf leichte bis mittlere Schmerzen und Fieber, auf anderen Beipackzetteln ist die gesamte Schmerzskala nachzulesen von Kopf- und Zahnschmerzen bis hin zur Wetterfühligkeit. Doch die Präparate wirken prinzipiell gleich und sind sogar weitgehend austauschbar.

Deshalb ist es ärgerlich, wenn mit überdehnten Markennamen, die den Anwendungsbereich gleich mitnennen, ein verkaufsförderndes Verwirrspiel getrieben wird: So steht beim Ibuprofen-Präparat „Dolormin Migräne“ im Beipackzettel „akute Behandlung der Kopfschmerzen bei Migräneanfällen mit und ohne Aura“. Doch mit seinen 200 Milligramm ist Ibuprofen nicht mehr oder weniger wirksam als andere Schmerzmittel mit dem gleichen Inhaltsstoff auch. Die gleiche Menge Ibuprofen steckt zum Beispiel in Pfeil Zahnschmerztabletten und Dismenol gegen Regelschmerzen.

Ähnlich liegt der Fall bei „Ibutop Rückenschmerztabletten“: Im Beipackzettel verfolgt der Hersteller den Hinweis auf eine spezielle Wirkweise bei Rückenschmerzen nicht weiter. Dort führt er ganz allgemein „leichte bis mäßig starke Schmerzen, Fieber“ auf.

ASS und Co.

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Keine ASS bei Zahnschmerzen. Das Blut wird verdünnt. Folge: Eventuell Blutungen beim Zahnarzteingriff.

Bei ihren Empfehlungen für Schmerzmittel setzt die Wissenschaft heute neue Akzente:

  • Ibuprofen steht inzwischen wegen seines insgesamt günstigen Risikoprofils gleichberechtigt neben den Wirkstoffen ASS und Parazetamol. Der Verkauf nach Packungen hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Mittlerweile hält es 15 Prozent am Markt gegenüber ASS und Parazetamol mit etwa 30 Prozent. Die negativ zu bewertenden Kombinationsschmerzmittel sind dagegen zwar rückläufig, aber mit etwa 25 Prozent ist ihr Anteil noch immer sehr hoch.
  • Eine weitere Wahlmöglichkeit in der Selbstmedikation besteht jetzt durch das Naproxen, einen Stoff aus der Rheumabehandlung. Patienten in den USA können es bereits seit einigen Jahren ohne Rezept kaufen.

Als Leitsubstanz gegen leichte bis mäßige (Kopf-)Schmerzen galt jahrzehntelang die Azetylsalizylsäure (ASS) und das wohl bekannteste Mittel überhaupt, Aspirin. Erwachsene brauchen 500 bis 1000 Milligramm ASS, um Schmerzen ausreichend zu dämpfen und Fieber zu senken. Frauen, die mit der „Pille“ verhüten, können im Abstand von vier bis acht Stunden noch einmal die gleiche Menge einnehmen. Frauen, die nicht die „Pille“ nehmen, sollten eine zweite Dosis ASS frühestens nach sechs bis zehn Stunden schlucken. Bei ihnen wird der Wirkstoff um ein Drittel bis zur Hälfte langsamer ausgeschieden als bei anderen.

Schmerzstillend, blutverdünnend

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Pfefferminz- oder Eukalyptusöl, auf Stirn und Schläfen verteilt, wirkte in einer Studie gut gegen Spannungskopfschmerz.

Wichtig zu wissen: Nicht jedes positiv beurteilte Präparat ist für jeden Menschen auch das beste. Bei ASS zum Beispiel gibt es neben seiner bei vielen Menschen den Magen belastenden Wirkung eine Reihe weiterer Einschränkungen, die von Wissenschaftlern zum Teil neu gewichtet werden: Seit langem ist bekannt, dass durch ASS bei vorbelasteten Patienten Asthma ausgelöst werden kann (seltener durch Ibuprofen).

  • ASS darf Kindern mit Schmerzen und Fieber auf keinen Fall gegeben werden, da das Risiko des Reye-Syndroms besteht. Dabei handelt es sich um einen lebensgefährlichen Leberschaden und Symptome von Hirnhautentzündung. Bei Kindern ist Parazetamol angesagt, in der Regel Zäpfchen in altersgerechten Dosierungen.
  • ASS „verdünnt“ das Blut (dauerhafte Hemmung der „Plättchenaggregation“) selbst in niedriger Dosierung von 100 Milligramm für etwa vier Tage. Dann bilden sich neue Blutplättchen.
  • Der Effekt der Blutverdünnung ist bei anderen Anti-Schmerz-Wirkstoffen entweder gar nicht vorhanden, wie bei Parazetamol, oder nicht so nachhaltig. Bei Ibuprofen und Naproxen hält die Blutverdünnung nur so lange an, wie die Substanzen im Körper wirken. Die Halbwertzeit (Zeit, in der sich die Wirkstoffmenge im Blut halbiert) liegt bei Ibuprofen etwa bei zwei, bei Naproxen etwa bei zwölf Stunden.
  • Wegen der blutverdünnenden Wirkung wird von ASS als Schmerzmittel vor Operationen oder einem Zahnarztbesuch abgeraten.
  • ASS soll wegen der Blutungsgefahr auch nicht während der Schwangerschaft eingenommen werden; besonders gefährlich ist es in den Wochen vor der Geburt.
  • Die Blutverdünnung durch Azetylsalizylsäure nutzen Mediziner inzwischen zunehmend anderweitig – in geringerer Dosierung (100 Milligramm pro Tag) als Dauermedikation zur Vorbeugung des Herzinfarkts. Hier ist die preiswerte Azetylsalizylsäure inzwischen unverzichtbar.

Wann ASS, Ibuprofen, Parazetamol?

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Manchmal helfen Alternativverfahren: Zum Nutzen von Akupunktur gegen Schmerzen führen Kassen zurzeit einen Modellversuch durch.

Azetylsalizylsäure, Ibuprofen und Parazetamol gelten heute in etwa als gleichwertig, um mäßige Schmerzen zu lindern. Aber es kann Gründe geben, eine dieser Substanzen zu bevorzugen:

  • Entzündungsbedingte Schmerzen bessern ASS und Ibuprofen zwar gleichermaßen gut, doch Ibuprofen ist oft die bessere Wahl: Es belastet Magen und Darm weniger als ASS. Es kommt nicht so häufig zu (Magen-) Blutungen.
  • Die Empfehlung für Ibuprofen gilt besonders dann, wenn das Schmerzmittel über längere Zeit eingenommen werden muss. Das ist zum Beispiel oft bei Gelenkbeschwerden der Fall. Gerade in diesem Anwendungsbereich wirkt Ibuprofen meist verlässlicher.
  • Wenn Schmerzen nicht auf eine Entzündung zurückzuführen sind, empfiehlt es sich, Parazetamol einzunehmen. Es ist darüber hinaus die Alternative zu ASS für die Behandlung von Schmerzen und Fieber älterer Menschen. Denn bei ihnen wächst die Blutungsneigung.
  • Parazetamol lindert auch Kopf- und Gliederschmerzen gut, zum Beispiel bei Grippe. Es senkt das Fieber zuverlässig und ist für Kinder und in der Schwangerschaft geeignet.

Doch Einschränkungen gibt es auch hier: Da Parazetamol keine entzündungshemmende Wirkung hat, ist es bei Rheuma- oder Gliederschmerzen, die mit einer Entzündung einhergehen, nicht so gut geeignet.

Risiken durch Parazetamol

Sehr ernst zu nehmen ist die schädigende Wirkung von Parazetamol auf die Leber. Für dieses Organ kann Parazetamol pures Gift sein, wenn der Wirkstoff nicht exakt dosiert wird. Wichtig: Bei Kindern, die in der Regel Zäpfchen erhalten, erfolgt die Dosierung nach Körpergewicht!

Wer regelmäßig Alkohol trinkt oder einen Leberschaden hat, sollte Parazetamol nicht einnehmen. Parazetamol ist häufig auch Bestandteil von Kombinationsarzneimitteln.

Kombinationsmittel – ein Kreuz

Wirkstoffkombinationen in Schmerzmitteln für die Selbstmedikation erhöhen möglicherweise die Risiken der Medikamenteneinnahme, ohne zur besseren Wirksamkeit beizutragen. Das einigen Mitteln hinzugefügte Koffein ist ein besonderer Stein des Anstoßes: Die Befürworter dieser Kombination weisen darauf hin, dass bei „bestimmungsgemäßem Gebrauch“ die Wirkung verbessert werden könne. Für zahlreiche Wissenschaftler – und auch uns – steht aber im Vordergrund, dass Koffein psychisch aktiviert und zur missbräuchlich häufigen Nutzung von Schmerzmitteln führen kann. Der Verdacht, dass Missbrauch langfristig zu Nierenschäden führen könnte, wurde bisher nicht zweifelsfrei ausgeräumt.

Bei vielen dialysepflichtigen Patienten werden die Nierenschäden unter anderem auf den massenhaften Verbrauch von koffeinhaltigen Schmerzmitteln zurückgeführt – nach Schätzungen gibt es jedes Jahr über 400 neue Fälle, die mit Schmerzmittelmissbrauch begründet werden.

Aber auch die langfristige oder hochdosierte Einnahme von Einstoffpräparaten kann schaden:

  • bei ASS durch Magengeschwüre,
  • bei Parazetamol durch Leberschäden.

Kopfschmerzen durch Schmerzmittel

Zahlreiche Erkrankungen und Störungen, die mit Schmerzen einhergehen, dauern länger an oder treten in Abständen immer wieder auf. Dann ist die Versuchung groß, Schmerzmittel über längere Zeit oder immer wieder einzunehmen – es droht Schmerzmittelkopfschmerz.

Eine Selbstbehandlung sollte nicht länger als drei Tage hintereinander dauern und insgesamt nicht an mehr als zehn Tagen im Monat erfolgen. Wer längere Zeit ununterbrochen oder immer wieder Schmerzmittel benötigt, sollte die Behandlung ärztlich überwachen lassen.

Vorsicht: Auch „geeignete“ Schmerzmittel bieten immer nur eine Problemlösung auf Zeit.

Alternativen

Naturheilverfahren stehen nicht im Gegensatz zur Schulmedizin, sie stellen ergänzende Behandlungsmöglichkeiten dar. Neben zahlreichen physikalischen Methoden wie Bewegungstherapie, Thermotherapie, Akupunktur können Erfahrungen der traditionellen Pflanzenheilkunde in einem ganzheitlichen Therapiekonzept auch bei Schmerzen genutzt werden. Die Zubereitung pflanzlicher Mittel erfolgt meist als alkoholischer Extrakt, auch als Aufguss (Tee), Frischpflanzenpresssaft oder Destillat. Extrakte sind komplex zusammengesetzte Mehrstoffgemische, deren weitere Verarbeitung zu Arzneimitteln sehr unterschiedlicher Qualität führen kann.

Der Kopf kann auch ohne Schmerzpillen wieder frei werden: durch Entspannungsmethoden wie progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder autogenes Training – manchmal genügt ein Tropfen Pfefferminzöl, einmassiert an den Schläfen. Ob „natürliches Aspirin“ aus Weidenrinde von Vorteil ist, kann wegen fehlender wissenschaftlicher Belege noch nicht gesagt werden. Homöopathische und anthroposophische Mittel können einen Versuch wert sein.

Es geht aber auch anders. Als Brian Wilson von den Beach-Boys in die Ruhmeshalle der Songschreiber in New York aufgenommen wurde, berichtete Paul McCartney: „Wenn mir der Schädel brummte, dann habe ich Brians Musik aufgelegt – und die Kopfschmerzen waren vergessen.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Tabelle: Wirkstoffe gegen Schmerzen: Was wann einnehmen?

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