26.07.2001

Leistenbruch: Die Angst der Männer

Leistenbruch Meldung

Es passiert beim Tragen, Husten und sogar auf der Toilette. Ist ein Leistenbruch aufgetreten, wird eine Operation aus Angst häufig verschleppt. Das kann lebensgefährlich werden. Die Devise heißt: Schnell operieren, um die Risiken gering zu halten.

Bereits vor rund 3.500 Jahren wurde die Operation des Leistenbruchs beschrieben. Der chirurgische Klassiker kommt im Papyrus Ebers vor, dem Kompendium der ägyptischen Medizin. Und vor etwa 2.500 Jahren hat Hippokrates den Leistenbruch zu den "allgemein herrschenden Krankheiten" gezählt.

Dazu gehört er noch immer: Die Operation des Leistenbruchs ist heute der häufigste chirurgische Eingriff überhaupt. Jedes Jahr sehen Ärzte in Deutschland rund 150.000 neue "Brüche". Und manchen öfter. Denn gelegentlich muss nachoperiert werden.

Es gibt keine bessere Lösung als eine Operation. Vor allem der rasche chirurgische Eingriff ist ohne Alternative und schon deshalb eine medizinische Erfolgsstory. Denn:

- Ohne Operation ist Heilung nicht möglich.

- Wer zu lange wartet, hat ein wachsendes Problem und lebt gefährlich: Der "Bruch" vergrößert sich ständig, mehr Darm tritt aus.

- Wird eine nach außen "durchgebrochene" Darmschlinge abgeklemmt und mit ihr die Durchblutung, besteht sogar Lebensgefahr. Bei Schmerzen umgehend den Arzt aufsuchen.

Dass Patienten vielfach zögern, sich in Chirurgenhände zu begeben, liegt an Horrorgeschichten aus früheren Zeiten mit brutalen, auch in Holzschnitten überlieferten Operationsmethoden, auch an der Angst vor Narkose und Skalpell und am unausrottbaren Vorurteil, Bruchbänder böten einen bequemen Ausweg. Doch Leistenbrüche lassen sich auf mechanische Weise mit Bruchbändern nicht "beherrschen", sie erhöhen sogar die Risiken.

Meist Männersache

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Leistenbruch ist meist Männersache. Das Verhältnis liegt bei acht Operationen bei Männern zu einer Operation bei Frauen. Leistenbruch ist manchmal auch Sache der männlichen Seele. Der männliche Stolz ist getroffen, die männliche Kraft hat sich als zu schwach erwiesen ­ schließlich wurde eine Aufgabe, wie zum Beispiel Gewichtiges zu schleppen, nicht bewältigt. "Der hat sich einen Bruch gehoben", sagt der Volksmund. Dabei gibt es noch banalere Momente als Möbelschleppen, in denen ein Leistenbruch sichtbar und fühlbar wird: Manchen erwischt es bei allzu heftigem Pressen auf der Toilette. Andere beim Sport. Oder sogar als Folge kräftigen Hustens.

Ein wenig Anstrengung ­ und schon bricht die Leiste? "Das scheint nur so", sagt Professor Dr. Jochen Konradt von der Zentralklinik Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf. "Da ist schon sehr lange im Hintergrund ein Prozess abgelaufen, der nur noch einen letzten Anstoß brauchte, um deutlich zu werden. Dazu reicht sogar ein heftiges Niesen." Schon gar nicht sei der Leistenbruch ein Anzeichen männlicher Schwäche ­ wenn man davon absehe, dass die Leistengegend beim Mann schon von der Anlage her eine Schwachstelle sei. Professor Konradt: "Dass hier etwas schief geht, ist bei der Konstruktion des männlichen Unterleibs beinahe programmiert, man möchte fast sagen: Die Leistengegend ist die Achillesferse des Mannes."

Zwischen den Bauchmuskeln und dem knöchernen Schambein ist im Gebiet der Leiste eine muskelfreie Sehnenplatte wie ein Halteband gespannt, vereinfacht beschrieben. Anders als bei Frauen führen beim Mann mitten durch diese Sehnenplatte die Blutgefäße, die die Hoden versorgen und vor allem der Samenstrang. Damit ist die an sich straffe und dichte Haltevorrichtung schon von Natur aus "unterbrochen" und entsprechend anfälliger für Lücken ("Brüche"). Hinter der Sehnenplatte im Bauchinnenraum liegt unter anderem der Darm, vor ihr das Bauchfell, die Bauchdecke. Wenn zwei Risikofaktoren zusammenkommen, entsteht in der Sehnenplatte der Leistenbruch. Risikofaktor Nummer 1: Die Sehnenplatte ist ausgeleiert. Denn dort gibt es keine Muskeln, die zu trainieren wären. Für die wünschenswerte straffe Elastizität sind unter anderem kollagene Fasern zuständig. Deren Produktion nimmt mit zunehmendem Alter ab. Wie die Haut wird auch die Sehne "schlaffer" und dehnbarer. Risikofaktor Nummer 2: Bei Anstrengung entsteht im Bauchraum Druck. Der sucht sich einen "Ausweg" und drückt dort, wo zwischen Bauchmuskeln und Knochen dehnbarer Raum ist, auf die Sehnenplatte. Ist ihre Spannung ausreichend, hält sie. Lässt die Spannung nach, wird die Sehnenplatte weich. Sie gibt erst ein wenig nach, beim nächsten Mal mehr, es entsteht eine Art "Nische" und schließlich der Durch-Bruch: Der Darm zwängt sich durch einen Spalt hindurch nach außen hinter die Bauchdecke.

Aus Angst ins Risiko

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Bruchbänder, hier Modelle aus der Medizingeschichte, bieten keine Lösung. Sie sind sogar riskant.

Die meisten Betroffenen spüren den Bruch durch "ein komisches Gefühl in der Gegend". Irgendetwas ist nicht in Ordnung, aber so genau ist nicht zu ergründen, was. Auffällig wird der Leistenbruch oft erst dann, wenn er sichtbar ist: so durch eine kleine Ausstülpung oder Beule in der Leiste ("Bruchsack").

Manche Menschen leben eine Zeitlang mit ihrem Leistenbruch in einer Art Waffenstillstand. Solange sich der Beuleninhalt, vor allem im Liegen, wieder zurückdrücken lässt, ersparen sie sich eine Operation. Wenn diese Prozedur nicht mehr gelingen will, drückt sich etwa die Hälfte aller Männer aber weiterhin vor dem notwendigen chirurgischen Eingriff, so Studien. Sie legen lieber ein "Bruchband" an. Bruchbänder führen therapeutisch in die Sackgasse. Sie helfen nicht, manchmal verschlechtert sich die Lage sogar erheblich. Und letztlich kommt man an einer Operation der Bruchstelle doch nicht vorbei.

Der Ernstfall: Spätestens wenn die Darmschlinge, die in den Bruchsack gewandert ist, dort abgeklemmt und vom Blutaustausch abgeschnitten ist, drohen ein Absterben des Gewebes, eine Bauchfellentzündung und Lebensgefahr. Allerdings ist der damit verbundene Schmerz in der Regel derart heftig, dass ein Besuch beim Arzt unumgänglich wird. Auch wenn noch kein Darm vorgequollen ist, sondern nur ein Verdacht besteht, sollte man sich untersuchen und bei positivem Befund operieren lassen: Der Arzt tastet die Leistenregion in der Nähe der Hoden nach einer Lücke ab. Ist sie noch klein und tritt sie erstmals auf, kann er sie häufig sogar mit einem leichten operativen und ambulant durchgeführten Eingriff verschließen.

Historische Schreckenstaten

Was in früheren Jahrhunderten unter "Leistenbruchbehandlung" verstanden wurde, kann dagegen Alpträume verursachen. Es gab "Experten", die den Bruchsack mit Injektionen der absonderlichsten Mittel zur Entzündung bringen wollten ­ das Gewebe sollte absterben und vernarben, womit ein Verschluss der Bauchdecke angeblich wieder möglich wäre. In der Regel starb nicht das Gewebe im Bruchsack, sondern der Patient. Im Mittelalter reisten "Bruchschneider" durch die Lande, die ohne Betäubung den Leistenring aufschnitten, das hervorgequollene Gewebe nach innen drückten und die Wunde zum Beispiel mit Stäbchen aus Holz, Knochen, Eisen oder anderen metallischen Materialien verschlossen ­ die meisten Patienten starben spätestens an Wundinfektionen.

Vor rund 150 Jahren, als es keine brauchbare Anästhesie gab, lag die Sterberate nach Leistenbruchoperationen bei 50 Prozent. Vor 110 Jahren, als Narkose- und Wunddesinfektions- sowie antientzündliche Mittel zur Verfügung standen, sank die Sterberate auf 2,7 Prozent. Heute werden Erfolge der Leistenbruchoperation nicht nach Sterbequoten, sondern nach Misserfolgsquoten (Rezidive) berechnet: Der Versuch, die Sehnenplatte zu reparieren und zu stabilisieren, ist dann nicht anhaltend gelungen.

Der Streit ums Netz

Obwohl chirurgische Alltagskost, gibt es bei diesen Operationen immer wieder Probleme. Etwa 10 bis 15 Prozent aller Leistenbrüche halten den Belastungen und der Spannung im operierten Bereich nicht stand. Die "Eingeweide" brechen erneut durch eine Lücke im Bauchfell und stülpen sich nach außen. Solche Misserfolge gibt es bei klassischen wie auch bei moderneren Operationsverfahren mit implantierten Netzen, die alles stabiler zusammenhalten sollen. Sie haben zwar gegenüber dem klassischen Verfahren der "zusammengenähten" Leistenbrüche erheblich höhere Erfolgsquoten, aber trotz der Einlage eben doch keine hundertprozentigen.

Drei Operationsarten sind heute Stand der medizinischen Technik: Entweder wird die Bauchlücke wieder zusammengenäht oder es wird ein Kunststoffnetz zur Verstärkung befestigt, entweder von außen oder von innen.

Experten stritten vor einigen Monaten heftig über den Rang des "Netzes" in der operativen Therapie. Das Netz ist als stabilisierende Verstärkung ein Maschenstoff aus Polypropylen. Er wird auch in der Herz- und Gefäßchirurgie sowie als Nahtmaterial verwendet. Seit rund acht Jahren wird dieses Gewebe bei Leistenbrüchen eingesetzt. Es gibt noch keine Langzeiterfahrung mit der Methode. Schlecht positionierte und schlecht befestigte Netze lösen sich, wandern und können zum Beispiel mit der Harnblase verkleben. Wer sich für eine Operation mit Netz entscheidet, sollte darauf achten, dass sie bei einem erfahrenen Chirurgen erfolgt.

"Die beste Methode"

Zu denen, die vom Netz begeistert sind, gehört Professor Dr. Reinhard Bittner aus Stuttgart. "Es ist nach allen Qualitätsstudien die beste Methode", sagt der Chirurg. "Bei uns wird es in über 90 Prozent aller Fälle eingesetzt, rund 7.000 haben wir inzwischen implantiert, und wir haben in der ganzen Zeit noch nicht einen Abstoßungs-, Wanderungs- oder sonstwie problematischen Fall erlebt." Da die Klinik eine Langzeitstudie erstellt, werden alle Erfahrungen in eine Datenbank eingegeben und die Patienten nach Entlassung weiter betreut und beobachtet.

"Wir wollen mehr Erfahrungen sammeln und Fälle miteinander vergleichen und nicht auf die Informationen angewiesen sein, die uns die Industrie liefert", sagt Professor Bittner. Mit Skepsis beobachtet er zum Beispiel die Entwicklung weicher Netze: "Die jetzige Qualität ist eigentlich gut! Ein weiches Netz kann in die Bruchlücke hineindrücken, eine gewisse Steifigkeit muss schon sein." Wichtig für den Operationserfolg sei, dass erfahrene Ärzte die minimal-invasive Therapie (kleinerer Eingriff dank "Schlüsselloch-Chirurgie", bei der nur ein kleiner Teil der Bauchdecke aufgeschnitten werden muss) ausführten und das Netz groß genug sei. "Kleiner ist feiner" gelte hier auf keinen Fall.

Das Netz wird heute weltweit jedes Jahr rund 1,2 Millionen Mal eingesetzt. Nach einer Untersuchung in der Zeitschrift "Chirurg" ist die Zufriedenheit der Patienten bei dieser Versorgung am größten, wiederholte Operationen sind selten. Doch auch für das klassische Vernähen spricht einiges: Für Kinder und junge Menschen, bei Klein- und Erstbrüchen, auch bei vielen Frauen-Leistenbrüchen ist die einfache netzfreie "Reparatur" oft der bessere Weg ­ ohne einen möglicherweise irritierenden Fremdkörper im Leistenbereich.

Wegen massiver Folgeprobleme wird die so genannte "Plug"-Methode dagegen praktisch nicht mehr angewandt. Bei ihr wird der Bruch mit einem Pfropfen, einer Art Kunststoffnetz-Knäuel, "gestopft": Hier gab es besonders viele Fälle von Verklumpungen und Verklebungen durch wandernde Materialien.

Für den Patienten empfiehlt es sich also, vor dem Eingriff nach der Methode zu fragen. "Zu den Fortbildungsveranstaltungen kommen eigentlich immer dieselben engagierten Ärzte", sagt Professor Bittner, "durch Mund-zu-Mund-Propaganda sprechen sich die neuen Entwicklungen herum, und deshalb dauert es manchmal etwas länger, bis die neueste wissenschaftliche Erkenntnis auch den letzten Arzt erreicht hat."

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