08.05.2012

Lebensversicherung: Kunden an Reserven beteiligen

Lebensversicherung Special

Versicherer müssen Kunden an stillen Reserven beteiligen, wenn sie eine Lebensversicherung auszahlen. Doch die Erkenntnisse der Stiftung Warentest aus einer Umfrage zeigen: Viele Versicherer zahlen nur, wenn Kunden auch offensiv nachhaken. Lohnen kann das allemal: Der Nachschlag kann mehr als tausend Euro betragen.

Recht auf Reserven

Seit 2008 müssen Lebensversicherer ihre Kunden mit 50 Prozent an den ihren stillen Reserven beteiligen. Sobald ein Kunde seine Police ausgezahlt bekommt, muss er seinen Anteil erhalten. Doch in der Praxis zahlen Versicherer häufig erst dann, wenn der Kunde seinen Anteil verlangt. So bekam ein HDI-Gerling-Kunde, dessen zwei Lebensversicherungen im Januar 2009 fällig wurden, erst nach mehrmali­ger Aufforderung vom Versicherer eine Nachricht über seinen Anteil. Er sei „durch einen technischen Fehler nur unzureichend berücksichtigt“ worden, schrieb das Unternehmen. In Wirklichkeit hatte der Kunde gar nichts bekommen. Erst aufgrund seiner Reklamation zahlte HDI-Gerling für beide Policen insgesamt 1 595 Euro nach.

Wenn der Wert der Reserven steigt

Stille Reserven heißen auch Bewertungsreserven. Sie entstehen, wenn der Marktwert einer Kapitalanlage des Versicherers über dem Anschaffungspreis liegt – wenn also zum Beispiel der Wert seiner Immobilien, Aktien oder Zinspapiere gestiegen ist. Entscheidend für den Kunden sind die Reserven zur Zeit der Auszahlung seines Vertrags. Liegt der Marktwert der Kapitalanlagen unter dem Anschaffungspreis, hat der Versicherer stille Lasten. Dann gibt es nichts.

Umfrage zeigt: Kunden werden schlecht informiert

Die Lebensversicherung eines LVM-Kunden wurde im Oktober 2008 fällig. Die LVM schrieb ihm, „gegebenenfalls“ kämen zur Auszah­lungssumme noch die Bewertungsreserven hinzu. Sie würden „zeitnah mit dem Auszahlungstermin ermittelt“. Als das Geld im November 2008 überwiesen wurde, war die Summe keinen Cent ­höher als im Oktober vom Versicherer mitgeteilt. Dabei nennt der Geschäftsbericht der LVM für das Jahr 2008 Bewertungsreserven in Höhe von 129 Millionen Euro. Die beiden Kunden von HDI-Gerling und LVM sind zwei der 260 Lebensversicherungskunden, die unseren Leseraufruf beantwortet haben. Wir wollten wissen, wie die Versicherungsunternehmen die Kunden an ihren Reserven beteiligen und ob sie klar darüber informieren. Das Ergebnis war enttäuschend: Von den 260 Kunden wurden nur 65 Prozent bei Vertragsende informiert, ob Reserven vorhanden sind oder nicht. Keine Informationen vom Versiche­rer bekamen 26 Prozent. Bei 9 Prozent waren die Angaben unklar. Nur knapp die Hälfte der Leser, die an der Aktion teilnahmen, wurden vom Versiche­rer an den Bewertungsreserven beteiligt und die Höhe wurde extra ausgewiesen. In 53 Prozent der Fälle war nicht klar, ob ein Teil der Auszahlung aus Bewertungsreserven besteht oder ob gar keine Reserven ausgezahlt worden sind.

Finanztest ermittelt reichlich Reserven

Fast alle Versicherer haben stille Reserven. Finanztest hat sich von 77 Versicherern die Geschäftsberichte der Jahre 2007 bis 2010 angeschaut. Nur fünf hatten im Jahr 2010 stille Lasten: CosmosDirekt, Gothaer, Inter, Münch­ener Verein und Sparkassen-Ver­sicherung Sachsen. Wie viel ein Kunde bekommt, hängt von der Höhe der Bewertungsreserven ab und von dem Verteilungsschlüssel, mit dem sie den einzelnen Kunden zugeordnet werden. Prüfen kann er seinen Anteil nicht, denn ihre Berechnungsgrundlagen legen die Versicherer im Detail nicht offen. Nur über die gesamten Reserven seines Unternehmens kann sich der Kunde informieren. Diese Zahl veröffentlichen die Versicherer jedes Jahr in ihren Geschäftsberichten. Wenn ein Kunde gar nichts bekommen hat, obwohl der Geschäftsbericht Reserven ausweist, sollte er nachfragen.

Versicherer sind knauserig

Unsere Leserbefragung ist zwar nicht repräsentativ für die Kunden aller Unternehmen. Sie liefert jedoch klare­ ­Hinweise. Viele Versicherer setzen einiges daran, um möglichst wenig Reserven auszuschütten. Künftig müssen sie womöglich noch weniger zahlen. Das Bundesfinanzministerium plant, die Ansprüche der Kunden zu verringern. Grund dafür ist die Sorge, dass die Versicherer die Zinszusagen an ihre Kunden am Kapitalmarkt nicht mehr erwirtschaften können und deshalb Geld brauchen. Denn Millionen ihrer Kunden haben Verträge mit einem hohen Garantiezins. Damit die Versicherer diesen Zins bezahlen können, sollen sich Kunden, deren Versicherung abläuft, mit weniger zufriedengeben.

„Versicherer sollten Reserven auflösen“

Der Ökonomieprofessor Dieter Rückle hat einen anderen Vorschlag. „Die Versicherer könnten die Garantien ohne weiteres schaffen, wenn sie ihre Reserven auflösten“, sagt er. Sie müssten ihre hochverzinslichen Wertpapiere verkaufen, die jetzt einen viel höheren Marktwert haben als der in der ­Bilanz ausgewiesen. Rückle hat vor einigen Jahren ein Gutachten im Auftrag des Bundesverfassungsgerichts erstellt. Die Verfassungsrichter machten den Weg frei für das Gesetz, das seit 2008 gilt. Rückle weiß, warum die Versicherer möglichst viel von den Reserven bunkern wollen: „Sie wollen die Ansprüche aus beste­henden Verträgen reduzieren, um dafür künftigen Kunden mehr versprechen zu können.“ Das ist gut fürs Neugeschäft. Bestandskunden sollten sich das nicht gefallen lassen.

Auch Bundesregierung hat Problem erkannt

Auch die Bundesregierung hat das Problem erkannt und kürzlich erklärt, bei der Beteiligung der Lebensversicherungskunden an den Bewertungsreserven mangele es an Transparenz. Kommt es zwischen Kunde und Versicherungsgesellschaft zu einem Streit vor Gericht, liege die Beweislast beim Versicherer, erläutert die Bundesregierung. Er muss dann darlegen, dass die Bewertungsreserve tatsächlich geringer ist, als der Kunde annimmt.

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