30.05.2002

Laufschuhe für Frauen und Männer: Nicht für alle gut gelaufen

Laufschuhe für Frauen und Männer Test

Elf der getesteten Paare zeigten sich als gute Truppe. Sieben andere Laufschuhe stolperten über Probleme bei der Haltbarkeit und zu wenig Stütz- und Dämpfwirkung.

Sportschuhe? Der Verkäufer lächelt nachsichtig. Sportschuhe gibt es nicht. Seelenruhig sagt er das, während sich hinter ihm die Regale biegen ­– voll mit dem, was der Laie nun mal Sportschuh nennt. Der Kunde, ein Laie, guckt verdattert. Dann murmelt er etwas von Joggen – und lernt, dass er dafür Schuhe der „Kategorie Running“ braucht. Spätestens aber als er vor den zwei Dutzend Schuhen der „Kategorie Running“ steht, ist ihm klar: Joggingschuhe zu kaufen ist kein Kinderspiel.

Wer je beschlossen hat, „endlich was für die Gesundheit zu tun“, kennt Situationen wie diese. Wenn es fit und Spaß machen soll, läuft beim Laufen ohne den richtigen Schuh aber gar nichts. Deshalb bietet test Hilfestellung beim Hindernislauf durch verzwickte Fachbegriffe, ausgetüftelte Technologien und eine riesige Auswahl. Wir haben uns 18 Laufschuhe der Saison herausgegriffen, neun Männermodelle und die entsprechenden Schuhe für Frauen gekauft. Unsere Erwartungen: Laufschuhe sollten dämpfen und stützen, haltbar sein, sich in der Praxis bewähren und auch einen Orthopäden zufrieden stellen.

Stolperstein Haltbarkeit

Laufschuhe für Frauen und Männer Test
Geheimnisvolles Innenleben: Zwei unserer Testschuhe im Längs- ...

Das Ergebnis: Fünf Frauen- und sechs Männerschuhe erhielten das test-Qualitätsurteil „gut“. Siebenmal reichte es nur zum „Befriedigend“: Im Vergleich zu den anderen Modellen enttäuschten der Frauen- und Herrenschuh des Complete Pryde Plus von Puma vor allem in Stützfunktion und Stoßdämpfung, die New-Balance-Schuhe außerdem in der orthopädischen Eignung. Herren- und Damenmodell von Brooks und Reebok fielen wegen Haltbarkeitsproblemen auf die Nase. Offenbar ist auch Joggingschuhe-Konstruieren kein Kinderspiel.

Stolperstein bei den Reebok-Schuhen war ein Knick in der Brandsohle, also der für die Schuh-Herstellung benötigten Innensohle. Die Ursache für die Knickbildung: ein ungünstiger Schuhaufbau. Im Innern machte sich das als ertastbare Falte bemerkbar. Da sie mit der Einlegesohle aber nicht zu spüren war, reichte es beim Frauenschuh zum Qualitätsurteil „befriedigend“. Der Männerschuh verteilte darüber hinaus den Druck „sehr gut“, sodass er insgesamt mit „gut“ davonkam.

Bei den Brooks-Schuhen dagegen waren nach 150 Kilometern deutliche Risse in der Sohle aufgetaucht. Nach einem Dauerbiegeversuch zeigten sich weitere Risse. Sie führten zu „ausreichend“ in den Materialeigenschaften und dämpften die sonst guten Leistungen. Schließlich soll ein solider Laufschuh mindestens 1 000 Kilometer durchhalten.

Haltbarkeit ist aber nicht alles. Was der Mensch am Fuß trägt, hat großen Einfluss auf Knochen, Gelenke, Sehnen und Muskeln. Deshalb muss der Schuh den Aufprallschock abdämpfen, den Fuß beim Aufkommen stützen, ihn beim Abstoßen führen und zu hohen Druckeffekten unter Ferse und Vorfuß entgegenwirken. Gerade beim Joggen, wenn Schritt für Schritt das Zwei- bis Dreifache des Körpergewichts auf dem Fuß landet, rächt sich ein ungeeigneter Schuh böse.

Ein Blick auf das Gebilde Fuß verrät, warum es schwer ist, ihn gut zu beschuhen: Ganze 26 Knochen, von Muskeln und Bändern ganz zu schweigen, sind daran beteiligt, Belastungen zu verteilen. Längs- und Quergewölbe gewährleisten beim gesunden Fuß in komplexem Zusammenspiel Dämpfung und zugleich Stabilität. Damit das auch ein Laufschuh leistet, brüten die Hersteller über Gelkissen oder Luftkammern und tüfteln Stützmaterialien aus.

Ob der Schuh in Stützwirkung oder Dämpfung dem Fuß gerecht wird, ist vom Läufer, speziell einem Anfänger, schwer zu beurteilen. Deshalb haben wir biomechanische Messungen durchgeführt. Sie machen Wechselwirkungen zwischen Gelenken, Muskulatur und Bändern in Abhängigkeit von physikalischen Gesetzen sichtbar. Um die funktionellen Eigenschaften des Schuhs zu erfassen, die in erster Linie in der Zwischensohle versteckt sind, muss er gleichmäßig abgenutzt sein. Das gelingt nur, wenn ihn verschiedene Läufer tragen. 15 Männer und 16 Frauen, die wir mit jedem Schuh auf eine Teststrecke von rund zehn Kilometern laufen schickten, erledigten das für uns. Nach 150 Kilometern landeten die Schuhe dann im Labor.

Dort half ein Computer, Unmengen elektronischer Daten auszuwerten. Sieben Sensoren an der Fußsohle, Mini-Beschleunigungsmesser am Schienbein und elektronische Winkelmesser an der Fersenkappe, die getragenen Schuhe am Fuß, joggten 37 Männer und Frauen über die Messplattform – immer mit derselben Geschwindigkeit, stolze 1 665-mal.

Bei den biomechanischen Eigenschaften liefen die Frauenschuhe Supernova Control von Adidas und Grid Jazz von Saucony mit der Note 1,4 allen davon. Gleich hinterher trabten Asics (1,7) und Nike (1,9). Auch in der Männer-Riege führt hier der Grid Jazz mit knappem „Sehr gut“, gefolgt vom Fila Pantera Plus (1,6). Ihnen dicht auf den Fersen: Nike Air Kantara und Reebok Ventilator II (1,7). Sie alle verbinden gelungen Stoßdämpfung, Druck­verteilung und Stützwirkung. Während die Saucony-Schuhe besonders effektiv dämpfen, liegt die Stärke der Männerschuhe von Fila und Nike in der Stützqualität. Diese so genannte Pronationskontrolle wirkt auch beim Adidas-Frauenschuh sehr gut.

Auf die Stützwirkung achten

Laufschuhe für Frauen und Männer Test
... und Querschnitt.

Pronation meint den natürlichen Stoßdämpfungsmechanismus des Körpers, bei dem der innere Fußrand gesenkt wird: Wer dabei zu stark einknickt, also „überproniert“, schadet Kniegelenken und Achillessehnen. Wer schon barfuß zur Überpronation neigt, sollte einen Schuh mit besonders guter Stützfunktion wählen. Für ihn gilt besonders: Vorsicht bei den New-Balance-Schuhen sowie dem Herren-Puma-Schuh Complete Pryde Plus. Alle drei bekamen in der Pronationskontrolle nur „ausreichend“. Auch in den anderen biomechanischen Disziplinen zeigten sie sich vergleichsweise schlapp.

Übrigens: Keine Gedanken muss man sich machen, ob die getesteten Schuhe den Fuß beim Abstoß gut führen. Dies lösten alle unterschiedslos bravourös.

Was die Labormessungen bei den New-Balance-Schuhen erahnen ließen, bestätigte die Praxis: Sie waren die mit Abstand unbeliebtesten Schuhe. Am meisten Spaß machte unseren männlichen Läufern die Strecke mit dem Air Kantara von Nike, den Frauen mit den Schuhen von Adidas und Asics – womit auch hier der Praxistest die Biomechanik bestätigte. Generell galt aber: Ob Handhabung oder Fußkomfort – Jubelschreie stießen die Läufer nicht aus. So tummelten sich die meisten Kreuzchen auf der Bewertungsskala brav ums „Gut“ herum.

Konservativ in Design und Material

Brav und konservativ – das Urteil lässt sich auf Konstruktion und Material ausdehnen: Nur Konventionelles war am Start, das Design bodenständig. Eine Ausnahme stellt der Fersenspoiler beim New Balance dar. Ob schnittig oder nicht – Frauen- und Männermodell dieses Herstellers liefen in der Nachhut.

Wenig zukunftsweisend erwiesen sich alle Schuhe auch in Sachen Gleichberechtigung. Zwar sind Frauen-Laufschuhe heute weit mehr als rosa Segeltuch mit Sohle und besitzen alle Konstruktionsmerkmale eines Männerschuhs. Darauf weisen auch die fast zwillinghaften Testergebnisse der Männer- und zugehörigen Frauenmodelle hin. Den spezifischen Anforderungen werden sie gerade deshalb aber nicht gerecht: Obwohl Frauen stärker einknicken, zeichnen sich die Damenschuhe im Test nicht durch auffallend gute Stützwirkung aus. Nur in drei Fällen haben sie überhaupt eine deutlich bessere Pronationskontrolle.

Orthopäden kritisierten Spoiler

Dass die Frauenschuhe auch bezüglich Material und Passform nur kleinere Männerschuhe sind, hatte für die Testläuferinnen weitere Nachteile: Weil das Material für ihre Füße zu hart war, gab es häufiger Druckstellen. Nach Meinung der Orthopädenjury wurde auf Besonderheiten wie schmalere Fersen generell ebenfalls wenig Rücksicht genommen. Der Nike Air Kantara erhielt somit in der orthopädischen Beurteilung als einziger Frauenschuh „gut“.

Nachdem gelaufene und neue Schuhe begutachtet, betastet und Probe gelaufen worden waren, vergaben die Experten noch an vier Männerschuhe ein „Gut“. Der Rest stellte sie immerhin zufrieden, wobei die Kritik von zu wenig Fersenführung über zu hohe Schnürung bis zu Nähten im Vorfußbereich reichte – was vor allem Frauenfüße schmerzt. Dass beide New-Balance-Schuhe mit einem traurigen „Ausreichend“ aus der orthopädischen Beurteilung humpeln mussten, lag am Spoiler: Durch ihn wird der Fuß beim Aufsetzen auf den Boden in eine stärkere Pronationsbewegung gezwungen. Ein orthopädisch guter Schuh sollte jedoch natürliche Bewegungsabläufe unterstützen. Positiv an den Testschuhen: In allen können statt der mitgelieferten Einlegesohlen auch orthopädische Sohlen getragen werden.

Fuß im Schuh nicht vergessen

Natürlich findet nicht jeder Fuß in unserer Auswahl seinen Traumschuh. Wer Fehlstellungen hat, muss mit dem Orthopäden sprechen. Vor dem Kauf sind Fußtyp und Laufstil, die sich meist beeinflussen, zu klären. Läufer, die abseits der Wege joggen, sollten auf ein griffiges Profil achten und könnten in der Kategorie „Trail“ fündig werden.

Wer drei- bis viermal die Woche joggt, dem ist zu zwei oder sogar drei Paar Laufschuhen zu raten. Denn verschiedene Schuhkonstruktionen beanspruchen Bänder und Gelenke unterschiedlich und das beugt Überlastungsschäden vor.

Anfänger sollten es ohnehin erst einmal etwas langsamer angehen. Denn auch Joggen ist kein Kinderspiel. Aber das ist eine andere Geschichte.

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