24.08.2000

Kaskoschaden: Alles oder nichts

Kaskoschaden Meldung
Plötzlich war das Auto von Peter Braun weg.

"Was ist die Kaskoversicherung eigentlich noch wert?", fragen sich immer mehr Autofahrer. Nach Diebstahl oder Unfall reden die Gesellschaften sich gern auf grobe Fahrlässigkeit heraus und zahlen nicht.

Nach dem ersten Schreck atmete Peter Braun auf: "Gut, dass ich versichert bin." Sein VW-Golf, den er am Vorabend wie immer gut verschlossen am Straßenrand geparkt hatte, war geklaut. Ein klarer Fall für die Kfz-Versicherung?

Und was für einer. Noch am nächsten Tag meldete Peter Braun den Diebstahl seiner Versicherung, doch dann begann ein Hin und Her. Immer neue Fragebögen, dann lange nichts, dann Anrufe und schließlich die Unterstellung, er habe den Diebstahl möglicherweise grob fahrlässig mitverschuldet. Nach drei Monaten Hickhack entschloss er sich zur Klage. Und siehe da: Eine Woche vor dem Prozess zahlte die Gesellschaft ­- fünf Monate nach dem Diebstahl.

Kein Einzelfall: Zunehmend entdecken Versicherer die grobe Fahrlässigkeit als das Hintertürchen schlechthin. Kann der Kunde diesen Vorwurf nicht entkräften, brauchen sie nicht zu zahlen. Speziell bei Diebstahl mauern die Gesellschaften, schließlich ist in etwa 20 bis 30 Prozent aller Fälle Versicherungsbetrug im Spiel.

Dabei sehen Juristen die Sache eigentlich sehr eng: Grob fahrlässig handelt nur, wer sogar gegen einfachste, nahe liegende Regeln verstößt, die jedermann sofort einleuchten, anders gesagt: Grob fahrlässig handelt, wer jeden gesunden Menschenverstand vermissen lässt.

Doch das ist nur Theorie. Im konkreten Einzelfall legen die Richter strenge Maßstäbe an. Vieles, was üblicherweise als Kavaliersdelikt gilt, ist vor Gericht grob fahrlässig. Selbst für ein kurzes Versehen, gegen das niemand gefeit ist, gibt es keine Gnade: Seit einigen Jahren gilt jeder Verstoß gegen grundlegende Verkehrsregeln als grob fahrlässig, etwa das Übersehen eines Stoppschildes (OLG Oldenburg, Az. 2 U 157/96).

Die Folge: Der Versicherte bekommt nur Schadenersatz, wenn er entlastende Umstände darlegt. Es gilt das Prinzip "Alles oder Nichts": Entweder kann er den Vorwurf entkräften und bekommt den Schaden voll ersetzt, oder die Versicherung zahlt keinen Pfennig.

Tipp: Nehmen Sie die Schadensmeldung sehr genau. Zeigen Sie den Schaden zuerst bei der Polizei an, und melden Sie ihn innerhalb einer Woche dem Versicherer, sonst ist der Versicherungsschutz gefährdet. Sie erhalten dann ein Formular, auf dem Sie den Hergang schildern. "Diese Schilderung ist das A und O", erklärt ADAC-Juristin Roswitha Mikulla-Liegert: "Oft entscheidet das über Wohl und Wehe Ihrer Ansprüche."

Überlegen Sie also sorgfältig, ob grobe Fahrlässigkeit unterstellt werden kann. Bei einem Autodiebstahl kann das so sein, wenn die Kfz-Papiere ständig im Auto aufbewahrt wurden, nicht aber, wenn man sie nur zufällig just vor dem Diebstahl dort vergessen hat.

Außerdem legen nicht alle Gerichte dieselbe Messlatte an. So hält es das OLG Nürnberg für grob fahrlässig, während der Fahrt die Kassette im Rekorder zu wechseln (Az. 8 U 1458/90), das OLG München hingegen nicht, weil der Unglücksfahrer erklärte, "sein Augenmerk nicht von der Fahrbahn abgewendet zu haben" (Az. 10 U 4963/91).

Schummeln gilt aber keinesfalls. Wenn das auffliegt, ist der Kaskoschutz komplett futsch -­ zum Beispiel, wenn man nach einem Diebstahl den Kilometerstand heruntermogelt, wobei weniger als zehn Prozent Abweichung gerade noch durchgehen (OLG Köln, Az. 9 U 131/96). Bei teuren Schäden empfiehlt es sich, noch vor der Schadenschilderung einen Anwalt zu fragen. Autoclub-Mitglieder erhalten eine solche Beratung ­ meist telefonisch ­ kostenlos.

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