29.06.2000

Haartransplantationen: Bohren, lochen, stanzen

Haartransplantationen Meldung

Helfen keine Tinkturen oder Hormone gegen Geheimratsecken und blanke Platten, bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder man findet sich damit ab oder lässt sich operieren. Wir haben Leser nach ihren Erfahrungen mit Eigenhaartransplantationen gefragt.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt: Nicht alle, die sich einmal Haare verpflanzen ließen, sind über das Resultat der gleichen Meinung. "Ich bin sehr froh", "begeistert", ja "absolut begeistert", hieß es in Briefen, die uns nach einem Leseraufruf erreichten. Und: "Ich bin wieder stolz auf mich. Auch andere schätzen mich wieder jünger-schöner, dieses zählt doch auch (68 Jahre)".

Andere test-Leser meldeten Kritisches und Enttäuschungen: "Es ist die Frage, ob es für ein paar Tausender nicht ein paar Haare mehr sein dürften" oder sarkastisch: "Es gibt nur eine Methode, die wirklich gegen Haarausfall wirkt ­ rechtzeitige Kastration. Nebenbei bemerkt, man kann mit 10.000 Mark lustigere Sachen machen!" Beklagt wurde unter anderem auch "ein rein kommerzielles Abzockunternehmen, das Ergebnis niederschmetternd: Nur 50 Prozent der übertragenen Hautareale (Grafts) wuchsen an".

Die Kritik

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Nach dem Aufruf in test erreichten uns mehr als 100 Zuschriften, darunter auch von Frauen. Einige Institute hatten auch ihre Kunden angeschrieben und sie gebeten, uns zu antworten - vermutlich zufriedene Patienten, bei denen die Haartransplantationen als Erfolg angesehen wurden. Rund 75 Prozent der Absender werteten das Ergebnis der Operation als gelungen.

Negative Anmerkungen in den Zuschriften bezogen sich dagegen hauptsächlich auf

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Haartransplantation: Die Haare werden nicht vermehrt, sondern die vorhandenen besser verteilt. Eine Sitzung dauert zwei bis vier Stunden. 400 bis 800 "Grafts" können dann verpflanzt werden, also rund 2.000 Haarwurzeln. Meist sind mehrere Sitzungen notwendig.

• eine oberflächliche Beratung, das Betonen überwiegend positiver Aspekte,
• mangelnde Aufklärung über die Zahl der letztlich notwendigen Operationen,
• eine zu früh erfolgte erste Behandlung, also noch während des Haarausfalls,
• die unschöne Operationsfläche (gerötet, dunkle Punkte) in den ersten Monaten,
• einen unnatürlichen Haaransatz ("wie mit einem Lineal"),
• Wundwucherungen,
• stärkere Nachblutungen,
• Narbenschmerzen für längere Zeit,
• ein insgesamt zu spärliches Ergebnis - gemessen am Preis.

Der Leidensdruck

Haare zu verpflanzen, ist langwierig, blutig und teuer. Leidensdruck und Geduld müssen groß sein, sich einer solchen Prozedur zu unterziehen. Allerdings: Zur Zeit können meist nur operative Methoden kahlen Stellen der Kopfhaut wieder etwas Haarschmuck verleihen, wenn ein anlagebedingter Mangelzustand der Haare unter dem Einfluss männlicher Hormone (androgenetische Alopezie) die Ursache ist. Rund 70 Prozent aller Haarausfälle gehören dazu.

Bei den Operationen gibt es verschiedene Vorgehensweisen:

• Da die Kopfhaut recht flexibel ist, wird ein zentraler Teil der Kahlstelle herausgeschnitten, die behaarten Restflächen werden zusammengenäht. An der Nahtstelle bleibt bei dieser "Reduktionsmethode" eine deutliche Narbe zurück.
• Kosmetisch erfolgreicher ist es, wenn kahle Stellen durch Haar aufgefüllt werden, das von anderen Kopfpartien hierher verpflanzt wird. Das ist die Eigenhaartransplantation ­ genauer, das Verpflanzen haartragender Hautteile.

Wie bei der Reduktionsmethode bleibt die ursprünglich vorhandene Haarmenge auch dabei gleich. Transplantationen vermehren keine Haare, sie verteilen die vorhandenen nur besser. Männer, denen lediglich ein schmaler Haarkranz verblieben ist, müssen sich also eine Eigenhaartransplantation aus dem Kopf schlagen. Brust- oder Schamhaare zu verpflanzen, ist auch keine Lösung. Sie würden Form und Farbe auch auf dem Kopf bewahren. Bevorzugtes Spenderareal ist deshalb der Haarkranz.

Der Strandhafereffekt

Früher war folgende Methode üblich: Aus dem Haarkranz wurden drei bis vier Millimeter große, runde Hautareale (Grafts) entnommen und verpflanzt. Im Ergebnis entstanden kleine Haarinseln, die wie Büschel in einer kahlen Landschaft wuchsen. Um diesen wenig ästhetischen Strandhafer- oder Klobürsteneffekt einigermaßen auszugleichen, waren über einen längeren Zeitraum mehrere Operationen erforderlich.

Jetzt werden meist kleine Teilareale mit nur wenigen Haaren verpflanzt. Dadurch sind sie gleichmäßiger zu verteilen. Es geht dabei um

• Einzelhaartransplantate,
• Mikrografts mit zwei oder drei Haaren,
• Minigrafts mit vier oder fünf Haaren.

Damit die Transplantate anwachsen können, müssen sie mit Nährstoffen versorgt, also durchblutet werden und von intakter Hautfläche umgeben sein. Ein dichtes, kosmetisch befriedigendes Einpflanzen von Hautteilen in Kahlflächen ist mit einer Sitzung nicht zu erreichen. In zwei bis vier Stunden können etwa 400 bis 800 Grafts verpflanzt werden. Zwar gibt es stundenlange Mammutsitzungen mit Tausenden von Haut-Haar-Schnipseln, das jedoch dürfte für Patienten wie Operateur eine zu große Belastung sein. Außerdem kann die Qualität der Arbeit darunter leiden. Wird zu viel auf einmal verpflanzt, ist auch eine schlechte Anwuchsrate programmiert. In der Regel wird eine zweite oder dritte Transplantationssitzung fällig, unter Umständen noch mehr.

Die Entnahme

Entnimmt der Operateur die Spenderhaare, stanzt er sie meist nicht mehr inselförmig heraus. Bei dieser Methode gibt es zahlreiche Einzelwunden. Außerdem besteht die Gefahr, dass intakte Haarwurzeln vernichtet werden. Heute wird aus dem Haarkranz in der Regel sichelförmig ein zusammenhängendes, längliches Hautareal herausgeschnitten. Die Kopfhaut kann dann an der Entnahmestelle zusammengezogen, die Wunde ohne größere Probleme vernäht werden. Dadurch bildet sich bei normalem Verlauf eine längliche Narbe, die unter den Resthaaren verschwindet. Auf eine Stoppelfrisur sollte der Betroffene aber besser verzichten.

Den entnommenen Hautstreifen zerstückelt der Operateur dann in Kleinteile und versenkt sie an vorbereiteten Stellen auf der Kahlfläche. Da Haare auf der Kopfhaut nicht gleichmäßig verteilt, sondern in unterschiedlich großen Einheiten wachsen, sind Mikrografts natürlicher als Einzelhaarteile. Die kann man für Konturen am Haarabschluss nehmen. Die blutige Prozedur geschieht unter lokaler Betäubung. Der Patient kann dabei Musik hören oder fernsehen.

Das Einsetzen

Um die Transplantate einzusetzen, müssen in der Kopfhaut Aufnahmeöffnungen geschaffen werden. Gebräuchlich sind drei Methoden:

1. Schlitztechnik (Slit-Technik, Incisional-Slit-Grafting, Mikro-Punkt-Schnitt-Technik): Mit einem speziellen Skalpell werden feinste Schlitze in die Kopfhaut geschnitten.
2. Stanz- oder Bohrtechnik (Hole-Grafting, Mini-Grafting into holes): Mit einem Rundmesser oder einer Hohlstanze werden Löcher in der Größe der Grafts aus der Haut gebohrt.
3. Lasertechnik (Laser-Grafting, Laser-Slitting): Anstelle eines Skalpells wird gebündeltes Licht benutzt. So können sowohl Schlitze als auch Löcher hergestellt werden.

Jeder Operateur wird die von ihm gewählte Methode loben und bei den anderen vielleicht ein Haar in der Suppe finden:

• Beim Stanzen sind die Empfangslöcher passgenau, dafür ist die Wundfläche größer.
• Beim Schlitzen kann der Druck der Kopfhaut auf die eingepflanzten Haarstücke so groß sein, dass sie herausgedrückt werden.
• Moderne Hochleistungslaser schaffen durch Verdampfen sehr schnell präzise Einpflanzkanäle, es blutet wenig nach. Durch die Hitze kann aber Gewebe an der Empfangsstelle geschädigt und das Anwachsen gefährdet werden.

Neue Laser, die hitzebedingte Nachteile der bisher gebräuchlichen CO2-Laser vermeiden sollen, sind in der Erprobung. Es heißt, die Lasertechnik sei noch immer zu wenig ausgereift, um gesicherte Urteile zu erlauben.

Je nach Anzahl der übertragenen Grafts dauert eine Behandlung zwei bis vier Stunden. Aus den Wunden tritt Blut aus, das verschorft und kleine Rötungen oder Verkrustungen hinterlässt. Im Normalfall sind sie nach etwa acht bis zwölf Tagen verschwunden.

Die Zeit danach

Gebräuchlich sind gelegentlich spezielle Vorbehandlungen der Kopfhaut oder Medikamente gegen Schwellungen im Kopfbereich, die kurzfristig das Gesicht verformen können. Am besten ist es, an die Transplantation einen zweiwöchigen Urlaub anzuschließen.

Achtung: Haarreste, die in den verpflanzten Hautteilen stecken, fallen im Allgemeinen erst einmal aus. Das ist völlig normal. Rund vier bis sechs Monate dauert es, bis ein sichtbares Ergebnis auf dem Kopf sprießt. Bis dahin sieht der Kopf fast so kahl aus wie zuvor. Gelegentlich bilden sich Pickel: Der Haarnachwuchs hat Probleme, die Kopfhaut zu durchstoßen, es kann sich Fett aus Talgdrüsen sammeln. Normalerweise öffnen sich die Pickel beim Haarewaschen, bei ungünstigem Verlauf müssen sie geöffnet werden.

Die Kosten

Für die Haartransplantation kalkuliert der Operateur entweder den Gesamtaufwand und gibt dafür eine Pauschalsumme an. Oder er setzt eine Grundgebühr an und berechnet Stückkosten pro Graft. Beide Berechnungsarten kommen bei kleineren Kahlstellen etwa auf 5.000 Mark, bei größeren haarlosen Arealen auf 20.000 bis über 30.000 Mark bei mehreren Sitzungen.

Die Risiken

Wie bei jeder Operation sind auch bei chirurgischen Eingriffen wie Haartransplantationen Komplikationen nicht auszuschließen:

• Grafts werden so traumatisiert, dass sie nicht anwachsen und abgestoßen werden.
• Transplantate werden herausgedrückt oder -gezogen (nicht kratzen!).
• Fremdkörpergranulome entstehen. Das sind kleine, knötchenförmige Gewebebildungen als Reaktion auf die Transplantate, die vom Körper nicht akzeptiert werden.
• Infektionen auf der Kopfhaut.
• Vernarben durch zu dichtes Setzen.
• Kosmetische Mängel durch nachlässiges Verpflanzen (unnatürlicher Haaransatz, wirrer Haarwuchs wegen falsch gesetzter Wuchskanäle).
• Bei bestimmten Erkrankungen, zum Beispiel Diabetes, besteht die Gefahr, dass Grafts nicht anwachsen. Hier empfiehlt es sich - wie auch bei vernarbten Kahlflächen - erst ein Testareal zu verpflanzen, um festzustellen, ob die neuen Haarteile überhaupt anwachsen.

Bedenklich sind Transplantationen, wenn abzusehen ist, dass ein "Halbglatzenträger" zur Vollglatze neigt. Dann würden auch die verpflanzten Haare unweigerlich ausfallen. Wurden zum Beispiel Geheimratsecken zu früh aufgefüllt, können am Ende einzelne haarige Inseln wie Hörner auf der Stirn stehen.

Die Altersfrage

Die Gefahr einer verfrühten Behandlung besteht generell für junge Männer. Dr. Gregor Wahl, Facharzt für Dermatologie, der in seiner Berliner Praxis seit längerem auch Haartransplantationen durchführt, warnt vor der Behandlung zu junger Patienten: "Gerade bei 20-Jährigen, die erfahrungsgemäß am meisten leiden, darf nicht transplantiert werden." Auch wenn ein erfahrener Arzt den Verlauf einer Glatzenbildung mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bestimmen könne, bleibe hier jede Prognose Spekulation.

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