20.03.2013

Geplante Obsoleszenz: „Tests zeigen keine Soll­bruch­stellen“

Geplante Obsoleszenz Meldung

Der Begriff „Geplante Obsoleszenz“ ist vielen Verbraucher mitt­lerweile ganz geläufig. Er beschreibt den Verdacht, dass Hersteller ihre Produkte bewusst mit Schwach­stellen ausstatten, damit Kunden schnell neu kaufen müssen. Die Stiftung Warentest hat bei ihren Tests dafür bislang aber keine Anhalt­punkte gefunden. Trotzdem gibt es viel zu kritisieren, wie Jürgen Nadler, wissenschaftlicher Leiter des Multimedia-Teams, im Interview erklärt.

Keine Soll­bruch­stellen – aber häufig schlechte Qualität

test.de: Hersteller stehen schon lange im Verdacht, manche Produkte ganz bewusst „mit Soll­bruch­stelle“ zu konstruieren, damit diese am besten kurz nach Ablauf der Garantie kaputt gehen und der Kunde neu kaufen muss. Stützen die Unter­suchungen der Stiftung Warentest diesen Verdacht?

Jürgen Nadler: Unsere Testarbeit hat bisher keine Anhalts­punkte dafür geliefert, dass von Anbietern bewusst Bauteile minderer Qualität einge­baut werden, um diese schnell unbrauch­bar zu machen. Das bedeutet aber nicht, das alle Produkte lange halten. Bei unserem letzten Test von Waschmaschinen zum Beispiel erreichten zwar 9 von 14 Maschinen in der Dauer­prüfung ein sehr gut. Aber eine Wasch­maschine bekam nur ein ausreichend, weil zwei von drei Testmodellen dieses Fabrikats gegen Ende des Dauer­prüfung ausfielen. Die Wasch­maschine eines anderen Herstel­lers wies schon früh im Dauer­test ein Leck auf: Wasser lief heraus. Ein weiteres Beispiel: Die Tests von LED-Lampen in Kerzenform zeigen: Es gibt Modelle, die lange halten und andere, die schneller kaputt gehen. Die Tendenz: Während teurere Produkte für 20 oder 25 Euro mitunter über 6 000 Stunden Lebens­dauer aufweisen, erreichen manchen billigen Produkte für 5 oder 6 Euro nur gut 2 000 Stunden – auch wenn die Werbung eine Halt­barkeit von 8 000 Stunden verspricht. Der Spruch „Qualität hat ihren Preis“ hat einen wahren Kern.

test.de: Hand­feste Beweise für die geplante Obsoleszenz sind schwer zu finden. Heißt das, dass Verbraucher eigentlich ganz zufrieden sein müssten?

Jürgen Nadler: Nein, keineswegs. Kundenfreundlich­keit steht bei der Konstruktion von Produkten nicht immer im Vordergrund. Ein leidiges Thema sind zum Beispiel die Drucker. Hier ist das Eintrocken der Tinte oft ein vermeid­bares Problem. Ebenso die Tatsache, dass Nutzer bei vielen Modellen nicht ohne Schwierig­keiten Fremdtinte einsetzen können. Hier zeigt die Testarbeit deutlich: Drucker­hersteller setzen viel daran, den Kunden die Nutzung von – zumeist güns­tigerer – Fremdtinte schwer zu machen.

test.de: Haben Sie weitere Beispiele für verbraucherunfreundliches Handeln der Hersteller, das sich vermeiden ließe?

Jürgen Nadler: Aber ja. Ärgerlich sind auch Geräte, die sich schlecht oder gar nicht öffnen lassen, weil ihr Gehäuse verklebt ist. Auch wenn man aus guten Gründen von einer Reparatur selbst die Finger lassen sollte – in so einem Fall hat dann selbst der Fach­betrieb Probleme, was die Reparatur nicht billiger macht. Ebenso ärgerlich sind im Gerät fest einge­baute Akkus, wie etwa beim beliebten iPhone von Apple. Bei Leistungs­verlust oder Ausfall ist ein Austausch gar nicht oder nur im Fach­betrieb möglich. Für den Kunden ist das unerfreulich. Das Gerät ist für längere Zeit weg und die Kosten sind hoch. Handelt es sich um ein Smartphone oder einen Rechner, hat der Kunde zudem das Problem, dass seine Daten unge­schützt sind. Und: Einen güns­tigen Akku eines Fremd­herstel­lers können Kunden auch nicht nutzen.

test.de: Mal angenommen, die Hersteller würden auch hier vernünftige Lösungen anbieten. Könnten dann alle Verbraucher zufrieden sein?

Jürgen Nadler: Leider nein. Denn immer kürzere Inno­vations­zyklen stellen den Kunden ebenfalls vor Heraus­forderungen. In kurzer Zeit folgten zum Beispiel bei Fernsehgeräten auf die ersten flachen HD-Geräte die Full-HD-Fernseher. Dann kamen 3D-fähigen Fernseher, es folgten Geräte mit Internet­zugang und jetzt „droht“ bereits der sogenannte 4K-Fernseher mit noch höherer Auflösung, bei dem selbst BluRays an ihre Grenzen kommen werden. Für den Verbraucher bedeutet das nicht nur bessere Technik, sondern auch Stress. Das Versprechen neuer tech­nischer Möglich­keiten baut psycho­logischen Druck auf. Experten sprechen hier übrigens von der psycho­logischen Obsoleszenz. Sehr ähnlich ist die Situation natürlich auch bei den Handys, die zurzeit vom Smartphone verdrängt werden.

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