27.03.2003

Fahrrad-Kindersitze: Zitterpartie auf Rädern

Fahrrad-Kindersitze Test

Unter den 16 Fahrrad-Kindersitzen im Test fanden wir nur 4 gute. Zwar fiel keiner völlig aus dem Rahmen. Diverse Mängel bringen aber viele Risiken beim Transport.

„Die Behaltung des Babyträgers ist einfach und braucht keine besondere Aufmerksamkeit ... die Lehne kann völlig neben der Sitzung sein.“ Die hier zitierte Gebrauchsanleitung des Polisport Wallaby ist auch ganz schön daneben. Sie gibt dem geneigten Kunden Rätsel auf - getreu dem Motto: Hat man erst einmal alles zusammengebaut, versteht man auch die Anleitung.

Doch die Kritik an den 16 getesteten Kindersitzen beschränkt sich nicht auf misslungene Montage- und Sicherheitsinstruktionen. Nur 4 von 16 Produkten konnten „gut“ genannt werden. Sieben Sitze kamen gerade noch mit dem Urteil „Ausreichend“ über die Runden. Schwachstellen hatten sie vor allem in der Sicherheit. Der Rest war Mittelmaß.

Front- oder Heckmodell?

Fahrrad-Kindersitze Test
Einfachlösung: Sicherung des Bike 'N' Carry mit diesem kleinen Vorhängeschloss.

Neben den üblichen Kindersitzen für die Montage auf oder über dem Gepäckträger (am Sattelrohr) prüften wir auch solche, die vorn, am Steuerrohr des Lenkers befestigt werden. Die Frontsitze kosteten zwischen 48 und 60 Euro, die Heckmo­del­le zwischen 40 und 130 Euro. Für viel Geld gibts aber nicht automatisch auch mehr Sicherheit. So kam der teuerste Kindersitz des Vergleichs, Topeak Baby Seat (130 Euro inklusive Spezial-Gepäckträger) nur auf „ausreichend“. Für den „guten“ Hamax Kiss Basic sind dagegen relativ bescheidene 50 Euro auszugeben.

Für die meisten Erwachsenen ist klar: Unser Kind kommt nach hinten. Von den 500 000 Sitzen, die jährlich verkauft werden, geht der Löwenanteil als Heckmo­dell an den Kunden. Trotzdem erfreuen sich auch vor dem Fahrer montierte Kindersitze noch einiger Beliebtheit.

Insgesamt gesehen spricht mehr für den Kindersitz über dem Hinterrad. Er wird dort entweder direkt auf dem Gepäckträger oder mit spezieller Halterung am Sattelrohr montiert.

  • Vorzüge: Hecksitze erlauben höhere Leh­nen für eine bessere Rücken- und Kopfabstützung - die Sicht des Fahrers wird ja nicht behindert. Sie sind auch besser für längere Fahrten geeignet, weil sie den Kindern relativ viel Bewegungsfreiheit bieten. Bei einem Sturz kann der Fahrer auch nicht auf das Kind fallen.
  • Und überhaupt: Kinder ab 15 Kilo Gewicht dürfen vorn nicht transportiert werden. Sie müssen immer nach hinten.
  • Nachteile: Die Hecklastigkeit kann bei höherem Tempo - besonders bei Damenrädern - zum gefürchteten Rahmenflattern führen. Kleinkinder brauchen eng anliegende Hosenträgergurte, weil sie sonst seitlich aus dem Sitz fallen können. Das Kind hat keine gute Sicht nach vorn, der Kontakt mit dem Chauffeur ist erschwert. Sind die Sattelfedern nicht abgedeckt, besteht Quetschgefahr für kleine Finger. In vielen Fällen ist der Tretkreis für den Fahrer eingeschränkt.

Kinder bis 15 Kilogramm dürfen auch vor dem Fahrer sitzen (nicht in Österreich). Montageort ist das Lenkrohr des Rahmens, das allerdings nicht an allen Rädern ausreichend Platz bietet. Die Sitze werden gewöhnlich zwischen Lenker und Sattel, manchmal aber auch vor dem Lenker (über dem Vorderrad) festge­macht. Das Kind schaut dabei entweder in Fahrtrichtung oder auf den Fahrer.

  • Vorzüge: Gute Schwerpunktlage (gilt nicht, wenn der Sitz vor dem Lenker platziert ist). Nähe des Kindes zum Fahrer, der Blick- und Sprechkontakt ist leichter als beim Hecktransport. Das Kind sitzt meist ruhiger, weil es - bei Blickrichtung nach vorn - damit beschäftigt ist, den Verkehr zu beobachten.
  • Nachteile: Das Kind ist bei Unfällen relativ ungeschützt, wird stärker als hinten Wind und Wetter ausgesetzt und kann durch den Fahrtwind eher auskühlen. Aus Sichtgründen (für den Fahrer) keine Nackenstütze möglich - problematisch wenn das Kind einschläft. Nur für kürzere Strecken und kleinere Kinder geeignet.

Ein weiterer Nachteil stellte sich her­aus, als wir - aus Sicherheitsgründen mit Puppen in den Sitzen - das Fahrverhalten prüften: Alle zwischen Sattel und Lenker montierten Frontsitze verursachten erhebliche Probleme in der Fahrstabilität, weil sich der Fahrer auf dem Sattel und das Kind (in Gestalt unseres Dummys) im Sitz ins Gehege kamen. Auch beim Auf- und Absteigen wurde es eng.

Die beiden Frontsitze Hamax Disco­ve­ry 101 und OK Baby Orion lassen sich auch vor dem Lenker, also über dem Vorderrad schwebend montieren. So angebracht, sitzt das Kind gegen die Fahrtrichtung mit Blick auf den Fahrer . Durch die Schwerpunktverlagerung wird damit aber jede Kurvenfahrt riskanter. Gewöhnungsbedürftig ist auch der Umstand, dass sich zwar Lenker und Vorderrad in die gewünschte Richtung drehen, das Kind im Sitz aber sozusagen „geradeaus“ weiter zu fahren scheint.

Extrem nervend

Fahrrad-Kindersitze Test
Klemmgefahr: Beim OK Baby können sich Kinder die Finger am Lenker quetschen.

Bei den Heckmodellen hatten vier Sitze Probleme mit der Sicherheit und wurden deshalb auch auf das test-Qualitätsurteil „Ausreichend“ abgewertet.

In drei Fällen bekamen wir die Sitze einfach nicht fest genug ans Rad. Bei Bike 'N' Carry und Polisport Wallaby ließ sich der Kloben am Sattelrohr nicht so gut festklemmen wie nötig und am Bobike Maxi SC rutschte die Halterung an der sich verjüngenden Sattelstrebe langsam, aber sicher abwärts, der Sitz neigte sich und landete mehr oder minder sanft auf dem Gepäckträger. Der eingeschränkte feste Halt der drei Modelle führt in der Praxis zwar nicht gleich zum Absturz der Sitze, aber die Sicherheit des ganzen Systems leidet doch erheblich.

Beim Topeak Baby Seat liegen die Dinge ein wenig anders, wenn auch nicht besser: Hier lässt sich das Kind schwer anschnallen. Ursache ist eine Kleinigkeit mit großer Wirkung: Um den Karabinerhaken des Gurtschlosses zu bedienen, bedarf es eines wahrhaft athletischen Daumens. Andernfalls reicht die Kraft nicht aus. Auch wenn es mit zusammengebissenen Zähnen und der Zuhilfenahme der zweiten Hand klappen sollte, ist der geforderte Aufwand extrem nervend.

Ein nicht ganz so gravierendes, aber doch ähnliches Problem haben sämtliche drei im Test vertretenen (ansonsten - bis auf das Frontmodell - recht gelungenen) Hamax-Sitze: Die Schlösser der Sicherheitsgurte lassen sich nur mit Kraft und Übung öffnen. Das macht sie sicher vor spielenden Kinderhänden, aber mancher erwachsene Fingernagel dürfte bei den Öffnungsversuchen brechen. Die eigentliche Härteprobe folgt im Winter und mit Handschuhen.

Überhaupt sind die Handhabungsprobleme hier nicht zu unterschätzen. Was nützt der sicherste Sitz, wenn der alltägliche Betrieb umständlich und Zeit raubend ist? Die Tabelle zeigt die teilweise erheblichen Unterschiede. Ebenso gibt es schlechte No­ten für einige Gebrauchsanleitungen. Bei einem Produkt wie einem Fahrradsitz für Kinder sind unverständliche Anleitungen wahrlich kein Kinderkram.

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