22.02.2011

Dispozinsen: Immer noch unverschämt

Nach der Kritik von Finanztest vor einem halben Jahr haben einige Banken die Dispo­zinsen gesenkt. Doch längst nicht alle. Selbst Banken, die ihre Konditionen verbesserten, senkten den Zins meist nur um weniger als einen Prozent­punkt. Fazit: Das Über­ziehen des Giro­kontos bleibt teuer. Finanz­test bringt die Konditionen von über 100 Banken.

Zu diesem Thema bietet test.de einen aktuelleren Test: Dispozinsen

Ein Viertel der Banken senkte des Zins

Es gibt offenbar Bankvorstände mit schlechtem Gewissen – oder sagen wir, mit etwas Sinn fürs Image: Von den 104 Banken in unserem aktuellen Test haben 26 seit dem Sommer ihren Dispozins gesenkt. Kunden, die bei ihnen ihr Girokonto überziehen, zahlen dafür jetzt weniger Zinsen. Einige Banken haben ihren Zins gesenkt, obwohl die Marktzinsen nicht gefallen sind. Der Leitzins der Europäischen Zentralbank liegt seit Mai 2009 unverändert bei historisch niedrigen 1 Prozent. Die Zinssätze für Kredite, die Banken sich untereinander geben (Euribor), sind sogar leicht gestiegen. Finanztest wertet daher die Zinssenkungen als Reaktion auf unsere wiederholte Schelte. Zuletzt haben wir im Sommer 2010 vielen Instituten vorgeworfen, bei den Dispozinsen über die Maßen zuzulangen.

Nur geringe Zinssenkungen

Grund zur Freude haben die Kunden dennoch nicht. Die meisten Banken senkten den Dispo um weniger als einen Prozentpunkt, und sie sind immer noch zu teuer: Die Volksbank im Märkischen Kreis ging nur um 0,15 Prozentpunkte runter, von 12,75 Prozent auf 12,60 Prozent. Zur Veranschaulichung: Überzieht ein Kunde dieser Bank sein Girokonto 100 Tage lang um 250 Euro, zahlt er nun 8,75 Euro statt 8,85 Euro Zinsen. Die Santander Consumer Bank senkte den Dispozins zwar um 4 Prozentpunkte für Kunden, die ihr Konto mit mehr als 1 000 Euro überziehen. Mit jetzt 12,98 Prozent ist der Dispo aber immer noch hoch.

Volksbank Mittelhessen positive Ausnahme

Eine einzige Bank hat nicht nur ihren Dispo deutlich günstiger gemacht, sondern damit auch noch den Sprung vom hinteren Tabellenplatz in das obere Drittel geschafft. Die Volksbank Mittelhessen senkte den Dispo von 13 Prozent auf 9,5 Prozent. Akzeptable Dispozinsen liegen derzeit unter 10 Prozent. Das schaffen nur knapp die Hälfte der von uns getesteten Banken, darunter weit vorn die PSD Banken und Direktbanken wie die Deutsche Skatbank, die DAB Bank, die SKG und die DKB.

Überziehen bleibt teuer

Über alle Banken gesehen bleibt das Überziehen des Girokontos weiterhin sehr teuer. Die Kunden bezahlen im Durchschnitt etwa 11 Prozent Zinsen, wenn sie mehr als ihr Guthaben abheben. Der Durchschnittspreis für den Dispokredit ist damit so hoch wie vor einem Jahr. Es bleibt also dabei, dass die Banken in einer Zeit, in der sie selbst kaum Zinsen zahlen müssen, mit den Dispozinsen Millionen Euro an ihren Kunden verdienen. Jeder sechste Kunde hat sein Konto überzogen. Von Abzockerbanken spricht Finanztest, wenn der Dispo mindestens 13 Prozent beträgt. So viel berechnen 27 Banken in der Stichprobe. Am kräftigsten kassiert mit 15 Prozent die Verbands-Sparkasse Wesel bei den Kontomodellen Giro SB und Giro Flexibel ab.

Banken müssen Referenzwert nennen

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13 Banken haben die Zinsen seit unserem Test im Sommer sogar angehoben. Darunter ist die Postbank, die Hamburger Sparkasse und die Stadtsparkasse Düsseldorf. Rein rechtlich gesehen können wir diese Banken dafür nicht schelten. Sie halten sich an neue gesetzliche Vorgaben, in denen eine gute Idee falsch umgesetzt wurde: Seit Juni 2010 müssen die Banken den Dispozins an einen Referenzwert koppeln, wenn sie Zinsen ändern wollen, ohne ihre Kunden zu benachrichtigen. Der Referenzwert ist häufig der EZB-Leitzins oder der Drei-Monats-Euribor.

Vorgaben unterschiedlich gut umgesetzt

Die Banken haben die gesetzlichen Vorgaben unterschiedlich gut umgesetzt. Einige binden den Dispo fest an einen Referenzwert. Wenn er sich ändert, wird der Dispo in gleichem Maße angepasst. In den Zinsanpassungsklauseln heißt es dann zum Beispiel: „Hat sich der Referenzzins um ... Prozent verändert, sinkt oder steigt der Dispozins um ebenso viele Prozentpunkte.“ Diese Regelung ist eindeutig und für den Verbraucher nachvollziehbar und in der Tabelle mit einem Haken (ja) gekennzeichnet. Fast alle Sparkassen und einige private Banken folgen ihr seit kurzem. Viele dieser Banken haben ihre Dispozinsen angehoben, weil der Referenzzins stieg. Das wäre in Ordnung, wären die Zinsen nicht schon vorher zu hoch gewesen. Andere Kreditinstitute verpflichten sich, Zinssenkungen in vollem Umfang an den Kunden weiterzugeben. Auch das hat Finanztest positiv bewertet.

Flexible Klauseln kaum nachvollziehbar

Die meisten Volks- und Raiffeisenbanken und PSD Banken verwenden eine flexible Klausel. Die Formulierung lautet dann: „Hat sich der Referenzzins um ... Prozent verändert, wird die Bank den Dispozins nach billigem Ermessen ... anpassen.“ Die Bank muss zwar denselben Maßstab anlegen, egal ob sie den Zins senkt oder anhebt. Doch für den Kunden ist kaum nachvollziehbar, ob die Bank ihren Zins entsprechend ihren Regeln verändert. Es gibt aber auch Banken, die immer noch keine Zinsanpassungsklausel haben. In beiden Fällen hat Finanztest das mit einem Kreuz (nein) gekennzeichnet.

Gesetz kam zur falschen Zeit

Eine Regel, die den Banken vorschreibt, wie sie ihre Zinsen anpassen müssen, begrüßt Finanztest. Allerdings wurde sie zu einem Zeitpunkt eingeführt, als die Dispozinsen sehr hoch waren. Vom Gesetzgeber gefordert, legen die Banken ausgerechnet jetzt den Abstand zwischen Referenzzins und Dispozins fest. Man meint, dass es eigentlich nur noch nach oben gehen kann. Das Gesetz kam zur falschen Zeit. Trotzdem müssten die Banken nicht immer mehr kassieren. Abweichungen zum Vorteil der Bankkunden sind immer erlaubt – auch wenn die Bank den Dispo fest an einen Referenzwert koppelt. Sie können also trotz Erhöhung ihres Referenzzinses den Dispozins unverändert lassen oder ihn sogar senken.

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