14.11.2003

Carvingskier: Kurz und gut

Carvingskier Test
Carving „klassisch“ auf präparierter Piste.

„Carvingtechnik reduziert Skilängen und Skilehrer auf ein erträgliches Maß“, verkündet ausge­rechnet ein Ski-Experte vom Berufsverband für Sport- und Skilehrer.

Dieses Bonmot des renommierten Fachmanns Walter Kuchler vom Berufsverband Sports bestätigen Millionen Skiläufer: Sie sind auf die kürzeren „Bretter“ umgestiegen und haben tatsächlich weniger Zeit (und Geld) für ihren Skikurs aufgewendet. Gefahren wird jetzt auf den Stahlkanten. Carven (englisch: schneiden) hinterlässt im Schnee keine breiten Rutschspuren, sondern scharfe Einschnitte, Gleisspuren ähnlich. Skilehrer hatten gegen diesen neuen Stil anfangs erhebliche Vorbehalte. Und Konsumkritiker unterstellten damals, die unter Absatzproblemen leidende Ski-Industrie habe lediglich den Freizeitgeschmack der Spaßgeneration genutzt, um ein umsatzträchtiges, aber kurzlebiges Produkt zu platzieren.

Inzwischen hat sich die neue Fahrweise durchgesetzt. Beim gekonnten Carving wird ein großer Teil des Schwungs aus dem Oberkörper und dem Rumpf her­aus erzeugt, wodurch die Kniegelenke entlastet werden. Pulskontrollen beweisen, dass Carver kräfteschonender unterwegs sind. Aber die einfachere Steuerbarkeit und der sicherere Kantengriff der Skier verleiten zu höheren Geschwindigkeiten, die eher zu Kollisionen auf den Pis­ten führen. Bei Unfällen haben die typischen Bandverletzungen im Knie nach bisherigen Beobachtungen von Experten nicht abgenommen.

Allrounder im Test

Carvingskier Test
Carving „extrem“ im Tiefschnee.

Um Freude am Carven zu haben, muss man also einige Voraussetzungen mitbringen. Dazu gehört auch der passende Ski. Der österreichische Verein für Konsu­menteninformation (VKI) hat Carving­skier geprüft, die für Anfänger, Umsteiger und flottere Fahrer gleich gut geeignet sein sollen – die Allroundmodelle. Als Preisspanne haben die Tester rund 300 bis 500 Euro (mit Bindung) festgesetzt. Für Damen wurden Skier in Längen von 160 Zentimetern und für Männer von 170 Zentimetern ausgewählt. Der Grund: Carvingskier sollten in einer Länge von etwa „Körpergröße minus fünf bis zehn Zentimeter“ gekauft werden.

Technisch „sehr gut“

Die Ferti­gungsqualität und die Zuverlässigkeit, zum Beispiel die Kantenausrissfestigkeit, haben sich wesentlich verbessert. Differenzierter fällt das Bild aber bei den Fahreigenschaften aus. Da gibt es im Test kein einziges „Sehr gut“. Die Unterurteile für Carven, Skidynamik, Kantengriff, Dämpfung, Gleitverhalten, Schussfahrt und Schwingen zeigen, dass die Skier jeweils ganz spezielle Schwächen und Stärken haben. Das reduziert die Zahl der rundum „guten“ Skier.

Beim Fahren hat sich auch gezeigt, dass die von den Herstellern getroffene Unterscheidung in Damen- und Herrenmodelle wenig sinnvoll ist. Die generell etwas leichteren Damenskier bieten meist eine größere Elastizität im Schaufel- und Endbereich und sind deshalb mit geringerem Druck zu fahren. Aber auf diese leichtere Drehbarkeit des Skis wird auch ein männlicher Anfänger Wert legen, während sportlichere Fahrerinnen eher zum „härteren“ Modell greifen. Denn neben der von den Herstellern empfohlenen Länge des Skis und dem angegebenen Seitenradius spielen auch die Druckverteilung und die Steifigkeit der Modelle eine Rolle bei der Auswahl des individuell geeigneten Skis.

Skilaufen ist einfacher geworden, an der technischen Qualität der „Bretter“ im Test gibt es kaum noch etwas zu beanstanden, und die Auswahl an Modellen ist groß. Nur das Skifahren muss man immer noch lernen, den Gleichgewichtssinn trainieren und ein Gefühl für das richtige Tempo entwickeln. Und der Anfänger muss herausfinden, wie er den effektivsten Druck auf seine Bretter ausübt, um dahin zu fahren, wohin er will und nicht der linke oder der rechte Ski. In der „Grundausbildung“ ähnelt also einiges den herkömmlichen Skikursen. Aber verhallt ist das ewige Skilehrer-Echo: „Taaal-Ski belasten, Schultern zum Taaal! Niiicht verkanten, Stöcke nach vooorn!“ Damals endeten gut gemeinte Schwünge frustrierend lange immer wieder in kläglichem Schneepflug und in Resignation: „Das lern' ich nie!“

Konsequent auf Kante

Manche haben es tatsächlich nie gelernt, sind aber doch glückliche Menschen geworden, weil sie auf Carvingskier umgestiegen sind. Sie haben dann in Kurzkursen von einem Tag bis zu einer Woche gelernt, beide Skier gleichmäßig zu belasten, sich mit den Schultern in die Kurve zu legen und – vor allem – konsequent auf den Kanten zu fahren.

Könner sparen sich sogar die Stöcke. Sie schweben in Fliegerhaltung mit ausgebreiteten Armen zu Tal, die Hand­flächen in der Bogen­innenseite auf der Schneeoberfläche. Zum Schutz ihrer Hände tragen sie Handschuhe mit integrierten Protektoren.

Einige Ästheten der „alten Schule“, die noch auf schmalen Alpinskiern mit engster paralleler Skiführung und sparsamem Stockeinsatz abwärts wedeln, werden sich weiterhin voll Grauen abwenden von den breitbeinig und schräg in den Kurven hängenden Figuren. Für sie bleibt Carven stillos, mindestens so wie Essen ohne Messer und Gabel. Stimmt ja irgendwie, aber Spaß macht es.

Mehr zum Thema

Doch gefahrloser ist der Pistenbetrieb nicht geworden, Kollisionen haben zugenommen. Deshalb sollten die „Verkehrsregeln“ der Fédération Internationale de Ski (FIS) beachtet werden (www.ski-online.de). Unter „Lawinendienst“ gibt es Warnungen vor gefährlichen Wetterlagen. Aber auch regionale Dienste geben wichtige Hinweise.

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