24.04.2003

Bodenbeläge: Plastisch und elastisch

Bodenbeläge Test

PVC, Linoleum, Kork und Co. im Schadstoffcheck: PVC enthält oft problematische Weichmacher, manchmal auch giftiges Organozinn. Andere elastische Bodenbeläge schneiden da besser ab.

Der Kunststoff Polyvinylchlorid (PVC) ist der am häufigsten verkaufte elastische Bodenbelag. Er lässt sich ohne Probleme verlegen, leicht pflegen und preiswert ist er meist obendrein. Ob Blumenmuster, Marmor- oder Holzdekor – Bodenbeläge aus PVC gibt es in vielen Farben und Mustern. Kein Wunder also, dass die Alternativen Gummi, Linoleum und Kork nicht so hohe Absatzzahlen haben wie er. In die Kritik gerät PVC dennoch immer wieder. Die Umwelt wird bei der Herstellung und Entsorgung belastet. Zudem werden Gefahren für die Gesundheit befürchtet.

Hormonähnliche Substanzen

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Homogenes PVC: Der Belag besteht aus einer oder mehreren gleichen Schichten.

test hat PVC und Co. nun einem Schadstoffcheck unterzogen. Wir haben 49 Böden auf mehr als 50 einzelne Problemstoffe hin analysiert und ermittelt, ob die Böden die Raumluft belasten und Gerüche hervorrufen. Mehr als die Hälfte der untersuchten PVC-Böden enthält hohe Mengen Schadstoffe. Hauptsächlich fanden wir bedenkliche Weichmacher, so genannte Phthalate. Sie werden dem PVC-Boden zugesetzt, damit er elastisch wird und leicht zu verlegen ist. Einige Phthalate können wie Hormone wirken oder die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen. Das am häufigsten verwendete Diethylhexylphthalat (DEHP) gilt laut der Deutschen Forschungsgemeinschaft als Krebs erzeugend und fruchtschädigend, allerdings besteht nach einer Grenzwert-Liste für Arbeitsplätze ein Risiko erst bei hohen Konzentrationen. Für Bodenbeläge und Wohnräume gibt es bisher keine Grenzwerte. Wir fanden in manchen PVC-Böden mehr als 13 Gewichtsprozent DEHP und sogar bis zu 36 Gewichtsprozent andere Phthalate. In Spielzeugen für Kleinkinder und in Beißringen sind Phthalat-Weichmacher in Deutschland aber bereits verboten.

In einigen PVC-Böden fanden wir zusätzlich Organozinnverbindungen. Diese Substanzen können das Hormon- und Immunsystem beeinträchtigen. Dibutylzinn soll das PVC beständig machen. Not­wendig sind Organozinnverbindungen aber nicht, wie der Test zeigt. Viele PVC-Böden kommen ohne aus.

Ein weiterer Problemstoff ist das Nonylphenol, ein Kunststoffadditiv, das ebenfalls in das Hormonsystem eingreifen kann. Wir fanden diese Substanz zum Teil in PVC und in Gummifliesen.

Keine Entwarnung

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Heterogenes PVC hat Schichten unterschiedlicher Zusammensetzung.

Die PVC-Industrie bestreitet, dass von Phthalaten im PVC-Fußboden Gefahren für die Menschen im Wohnraum ausge­hen. Ihr Argument: Die Phthalate sind fest am Material gebunden und gelangen nur in Spuren in die Raumluft.

In der Luft sind sie tatsächlich nicht oder nur in sehr geringen Mengen nachweisbar. Denn Weichmacher sind schwer flüchtig. Das bedeutet, dass sie sich sofort nach einem Austritt aus dem Material (als Abrieb oder durch Ausströmen) an größere Teilchen anlagern, etwa am Hausstaub. Mit diesem können sie vom Menschen allerdings eingeatmet werden. Wie belastet der Hausstaub ist, zeigen Untersuchungen der Stiftung Warentest: Wir haben den Staub aus 600 Wohnungen bundesweit analysiert. Die weitaus meisten enthielten Weichmacher, meist DEHP, oft in höheren Mengen. PVC-Beläge gehören zu den Hauptquellen für die Belastungen des Hausstaubs mit Phthalat-Weichmachern. Wer barfuß durch die Wohnung läuft, kann außerdem auch mit den bedenklichen Substanzen in Berührung kommen und sie über die Haut aufnehmen, zum Beispiel Kinder beim Spielen. Bei ihnen gelangt Hausstaub auch schon mal schnell in den Mund.

Eine unmittelbare Gefahr besteht zwar nicht. Aber weil Langzeitwirkungen zu befürchten sind, geben wir keine Entwarnung. Zudem: Mit Gebrauch oder Entsorgung von Weich-PVC können die problematischen Verbindungen in die Umwelt gelangen und sich dort anreichern.

Beunruhigend ist auch eine gerade veröffentlichte Studie der Universität Erlangen-Nürnberg: Sie bewies erstmals, dass die tolerierbaren Aufnahmemengen von DEHP in der Bevölkerung zum Teil deutlich überschritten werden.

Tipp: Entscheiden Sie sich aus Vorsorgegründen für Fußbodenbeläge ohne bedenkliche Phthalate, Organozinn oder Nonylphenol. Immerhin sind einige untersuchte PVC-Böden nur mäßig belastet. Die Anbieter Gerflor, Hometrend und Tarkett schrieben uns, dass sie seit 2002 auch DEHP-freie Ware anbieten. Schön wäre nur, wenn man das auch im Handel erkennen könnte. Als wir die Beläge einkauften, zeigte sich, dass es kaum Produktinformationen gibt, weder zu Inhaltsstoffen noch zur Verlegung.

Reizende Stoffe in der Luft

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Linoleum besteht aus Leinöl und Kork- oder Holzmehl. Die Trägerschicht ist Jute.

Leicht flüchtige organische Substanzen, beispielsweise Lösemittel, gasen zum Teil aus Fußbodenbelägen aus und belasten die Raumluft. Diese Substanzen können zum Beispiel die Schleimhäute empfindlicher Personen reizen. Wir haben die Belastung am 1. Tag und nach vier Wochen ermittelt: Besonders hohe Konzentrationen fanden wir bei den PVC-Belägen Tarkett Spring und Tarkett Ornamenta Apollo sowie bei dem Gummiboden Freudenberg norament 725.

Die elastischen Bodenbeläge sollen auf großen Flächen verklebt werden. Der Handel empfiehlt dafür noch allzu oft lösemittelhaltige Kleber. Wir haben drei Böden mit den empfohlenen lösemittelhaltigen Klebern verlegt. Ergebnis: Die Raumluftbelastung wurde durch den Kleber meist stärker. Je nach Belag gab es Unterschiede. Das offenporige Kork ließ die Stoffe gleich zu Anfang der Messung hindurch. Bei PVC und Gummi traten die Lösemittel teilweise erst nach vier Wochen aus. Linoleum ließ zwar nach vier Wochen noch nichts durch, aber möglicherweise wird später etwas austreten.

Tipp: Verwenden Sie nur so genannte emissionsarme Kleber (erkennbar an der Bezeichnung „Emicode EC1“) . Das Umweltbundesamt bereitet einen Blauen Engel für Klebstoffe vor.

Linoleum und Gummi riechen

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Gummibeläge werden aus synthetischem Kautschuk hergestellt.

Im Test verbreiteten Gummi und Linoleum starke produkttypische Gerüche, die unsere Tester nur schwer beschreiben konnten: Sie notierten zum Beispiel „nach Turnhalle“ oder „nach Nüssen“ (für Linoleum), „nach Schuhsohle“ oder „Reifenhandel“ (für Gummi). Die Gerüche nahmen auch nach vier Wochen nicht deutlich ab. Damit kann nicht jeder leben, manche aber riechen es sogar gern. Wichtig ist, dass keine bedenklichen Substanzen ausgasen. Linoleum war hier in der Regel unbedenklich, bei einigen Gummiböden traten hohe Belastungen am Anfang der Messung auf, die aber nach vier Wochen abnahmen.

Tipp: Machen Sie vor einem Kauf den Geruchstest – entweder im Geschäft oder bitten Sie den Händler, Ihnen vorab ein kleines Stück zu geben. Machen Sie dann den Test genau wie wir: Legen Sie ein etwa fünf mal zehn Zentimeter großes Stück in ein Einmachglas. Lassen Sie das geschlossene Glas über Nacht stehen. Am Morgen öffnen und daran riechen. Wenn Sie die Gerüche als störend empfinden, kaufen Sie den Bodenbelag besser nicht. Eine spätere Reklamation dürfte schwierig werden, weil es eben produkttypische Gerüche sind.

Unser Tipp: Kork

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Kork: Der Rohstoff, die Rinde der Korkeiche, kommt aus Südeuropa.

Im Schadstoffcheck schnitt Kork im Durchschnitt am besten ab. Dieser Belag kostet etwa so viel wie PVC, ist allerdings empfindlicher gegen Feuchtigkeit und nicht als Rollenware erhältlich. Unsere Empfehlung: Erwägen Sie trotzdem einmal Kork als Alternative.

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