Masthühner und -puten kommen massenhaft mit Antibiotika in Kontakt. Das bestätigt jetzt erneut eine Untersuchung von Tränkwasser aus 42 Geflügelställen in Nordrhein-Westfalen. Große Mengen Antibiotika in der Tierhaltung begünstigen die Entwicklung resistenter Erreger. Dadurch steigt das Risiko, dass Menschen bei einer Erkrankung durch solche Erreger auf eine Behandlung mit Antibiotika nicht mehr ansprechen.
Antibiotika in fast zwei Drittel der überprüften Ställe
Setzen Geflügelhalter Antibiotika ein, dann geben sie es Hühnern und Puten über das Wasser. Erlaubt ist das nur, wenn die Tiere krank sind und ein Tierarzt die Antibiotika verschreibt. Um herauszufinden, wie stark sich Rückstände der Medikamente im Tränkwasser anreichern und nachfolgende Generationen von Masttieren belasten, hat das Landesumweltamt Nordrhein-Westfalen eine stichprobenartige Kontrolle durchgeführt: Es ließ im Januar und Februar das Tränkwasser von 29 Hühner- und 13 Putenmastställen auf Antibiotika-Rückstände untersuchen und hat jetzt die Ergebnisse veröffentlicht. Rückstände von Antibiotika fanden sich danach im Wasser von 26 der insgesamt 42 überprüften Ställe – das sind rund 62 Prozent. In einigen Fällen handelte es sich sogar um nicht speziell zugelassene Antibiotika. In 16 Ställen war das Tränkwasser ohne nachweisbare Rückstände.
Nachweis lange nach verordneter Behandlung
Bedenklich ist, dass die Tiere in den meisten Fällen gerade nicht mit vom Arzt verordneten Antibiotika therapiert wurden, als die Kontrolleure die Proben nahmen. Zum Teil lag die letzte dokumentierte Behandlung wenige Tage zurück, zum Teil Wochen, in Einzelfällen sogar Jahre. Wie ist das möglich? Die Studie des Landesumweltamts weist auf das Problem von Verschleppungen hin: Es ist möglich, dass Restmengen von früher eingesetzten Wirkstoffen im Tränkwassersystem bleiben – etwa wenn die Wasserleitungen oder Trinknippel nicht richtig gereinigt wurden.
Antibiotikafreie Mast ist die Ausnahme
Für den NRW-Verbraucherminister Johannes Remmel (Grüne) sind die Ergebnisse der Beweis dafür, dass die antibiotikafreie Mast eher die Ausnahme, als die Regel ist. Bereits im November 2011 hatte sein Ministerium eine Studie veröffentlicht: Danach waren mehr als 96 Prozent der Masthähnchen aus gut 180 Betrieben mit Antibiotika behandelt. Nachdem Wissenschaftler Fehler in dieser Studie entdeckten, wurde diese Zahl zwar später auf 92,5 Prozent nach unten korrigiert. Die Grundaussage blieb aber dieselbe: Es gibt in der Tiermast ein massives Problem mit Antibiotika. Im Januar gründete Nordrhein-Westfalen eine Antibiotika-Datenbank, mit der Tierärzte und Landwirte den Einsatz von Antibiotika in der Geflügelmast auf freiwilliger Basis dokumentieren sollen. Im Januar legte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) einen Entwurf zur Änderung des Arzneimittelgesetzes vor, der den Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung stark einschränken soll.
Gute Küchenhygiene schützt Verbraucher
Antibiotika dürfen in der Geflügelzucht nur im Krankheitsfall zum Einsatz kommen, wenn ein Tierarzt sie verschrieben hat. Sie in niedriger Dosis zur Wachstumsförderung zu verabreichen, ist seit 2006 verboten. Denn durch die massenhafte Anwendung erhöht sich das Risiko, dass Keime dagegen unempfindlich werden. Solche resistenten Keime, die etwa in Geflügelfleisch nachgewiesen wurden, könnten bei Menschen Krankheiten auslösen, gegen die Antibiotika dann nicht mehr zuverlässig wirken. Über das Risiko antibiotika-resistenter Keime klärt test.de im Interview mit test-Experte Dr. Jochen Wettach auf. Derzeit der beste Schutz für Verbraucher: Eine gute Küchenhygiene. Vor allem Fleisch sollte vor dem Verzehr durcherhitzt werden. Als Richtwert gilt: Das Fleisch sollte mehrere Minuten eine Kerntemperatur von mindestens 70° Celsius ausweisen.
Risikokeimen in der Küche Herr werden
Wo überall Risikokeime lauern und wie Sie Ihnen in der Küche Herr werden, erklären die Experten von test: So bekämpfen Sie die Krankmacher. Die wichtigsten Hinweise für mehr Hygiene im Küchenalltag in Kurzform finden Sie in den Tipps zur Küchenhygiene. Und wie Sie beim Füllen des Kühlschranks und beim Auftauen von Geflügel in Sachen „Hygiene“ alles richtig machen, erklärt test-Expertin Ina Bockholt-Lippe im Video.
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