Gesetzlich Krankenversicherte können aufatmen: Die niedergelassenen Ärzte streiken vorerst nicht. Ihre nächste Verhandlung mit den Krankenkassen wurde auf den 4. Oktober 2012 vertagt. Bis dahin ruhen die angekündigten Proteste.
Kassen und Ärzte nähern sich an
Am 4. Oktober wollen Kassen- und Ärztefunktionäre erneut über die von den Ärzten geforderte höhere Vergütung verhandeln. Bis dahin wollen die Ärzteverbände ihre geplanten bundesweiten Protestaktionen aussetzen, um eine mögliche Annäherung nicht zu gefährden. Sollten die Verhandlungen scheitern, rufen die Ärzteverbände zu Protesten am Montag, 10. Oktober, auf. Unter anderem wollen sie einen Aktionstag unter dem Motto „Praxis ohne Arzthelferinnen“ veranstalten.
Ärzte wollen mehr Geld
Hintergrund der Auseinandersetzungen: Die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten wollen mehr Geld für die Behandlung gesetzlich krankenversicherter Patienten. Die von den Kassen zunächst angebotene Honorarerhöhung um 270 Millionen Euro oder 0,9 Prozent ist ihnen zu wenig, sie hatten ursprünglich zusätzliche 3,5 Milliarden Euro ab 2013 gefordert. Falls sie bei den Verhandlungen mit den Krankenkassen kein zufriedenstellendes Ergebnis erzielen, haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Ärzteverband NAV-Virchowbund Protestaktionen angekündigt. In einer Urabstimmung Mitte September hatten sich 75 Prozent der Teilnehmer für Praxisschließungen ausgesprochen.
Streik ist nicht zulässig
Niedergelassene Ärzte können nicht streiken, da sie in der Regel Freiberufler und keine Arbeitnehmer sind. Auch Praxisschließungen sind nur in begrenztem Umfang zulässig. Ärzte mit Kassenzulassung sind nämlich laut Bundesmantelvertrag Ärzte gehalten, ihren Patienten mindestens 20 Sprechstunden pro Woche anzubieten. Sie werden zwar nicht bestraft, wenn ihre Praxis geschlossen bleibt. Der NAV-Virchowbund, der die Proteste koordiniert, hat aber angekündigt: „Die Aktionen richten sich gegen die Kassen, nicht gegen die Patienten.“ Eine Grundversorgung soll in jeder Region aufrechterhalten werden.
Dienst nach Vorschrift
Sollte es zu weiteren Aktionen kommen, müssen Versicherte mit längeren Wartezeiten rechnen – vor allem, wenn es um Leistungen geht, die sie beantragen müssen, wie zum Beispiel eine Kur. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat nämlich angekündigt, dass die Ärzte aus Protest gegen die „Kassenbürokratie“ Anfragen der Krankenkassen nur eingeschränkt bearbeiten. Auch wer einen Eintrag in seinem Bonusheft für gesundheitsbewusstes Verhalten benötigt, wartet damit besser, bis Kassen und Ärzteschaft sich über die Vergütung geeinigt haben.
Was Patienten tun können
Patienten, die einen Arzttermin haben, sollten sich vergewissern, ob ihr Arzt für sie da ist. Auch bei akuten Erkrankungen empfiehlt es sich, in der Praxis anzurufen, bevor man sich auf den Weg macht. Die Kassenärztlichen Vereinigungen, die für die medizinische Versorgung in jedem Bundesland verantwortlich sind, werden sich mit den Organisatoren des Protests abstimmen, um eine Grundversorgung zu gewährleisten. Wer Schwierigkeiten hat, einen Arzt zu finden, sollte sich an seine Krankenkasse wenden oder an die Kassenärztliche Vereinigung seines Bundeslands.
Einkommen der Ärzte weit über Durchschnitt
Laut dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) sind die meisten niedergelassenen Ärzte zufrieden mit ihrem Einkommen. Der durchschnittliche Reinertrag eines Praxis-Arztes lag den Kassen zufolge im Jahr 2011 bei etwa 165 000 Euro. Der Reinertrag entspricht etwa dem Bruttoeinkommen bei Arbeitnehmern: Er bezeichnet die Einnahmen abzüglich der Ausgaben, aber vor Steuern und Abgaben. Das durchschnittliche Bruttoarbeitsentgelt aller Versicherten im Jahr 2011 betrug 32 270 Euro.
Zahnärzte protestieren nicht mit
Die Zahnärzte haben andere Verträge mit den Kassen und andere Standesorganisationen, die sie vertreten. An dem aktuellen Honorarstreit und an den geplanten Protestaktionen sind sie nicht beteiligt.
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